Geistig limitiert

limited-edition-limitiert-einzigartig-besonders-kinder-premium-t-shirt

Je limitierter die Auflage, um so wertvoller das einzelne Stück. Limitiert ist wertvoll: Es gibt nicht viel davon. Wovon auch immer. Limitiert ist begrenzt. Im Falle der Kunst ist damit die Auflage gemeint. Umgekehrt: Je grösser die Auflage, um so kleiner der Wert. Die limitierte Stückzahl macht auch Weine, Autos und Münzen zu begehrenswerten Objekten.

Eine merkwürdige Umkehr der Vorzeichen, denn: Ist Begrenztheit nicht eher ein Anzeichen von Mangel? Zu wenig Zeit, zu wenig Geld, zu wenig Arbeit, zu wenig Bildung, zu wenig Menschlichkeit, zu wenig Arbeitsplätze, zu wenig Hirn.

Aber das ist ja etwas ganz Anderes. Schließlich geht es bei der limitierten Auflage um die Einzigartigkeit. Ähnlich dem Lebenspartner, dessen Auflage quasi auf ein Exemplar reduziert bleibt. Zumindest zeitweise.

Und selbst der Mangel kann, wird er einmal auf eine spirituelle Ebene gehoben, zum Wert werden. Dann entsteht der Verzicht, und der ist gewählt.

In irgendeiner Form bildet Limitierung also eine Auszeichnung. Aber was verleiht der Limitierung nun endlich ihren Wert?

Was nur in geringer Zahl vorhanden ist, wird von selbst zu einem Wert. Egal, ob man davon hat oder nicht. Nur wird es eben im einen Fall schmerzlich vermisst, im anderen stolz präsentiert. So etwa von einer Gesellschaft, der die eigenen Werte abhandengekommen sind. Von nun an wird sie sie feierlicher emporhalten und hartnäckiger verkündigen, als je zuvor.

Es ist paradox, dass man gerade an dem, was man nicht hat, am meisten festhält. Es geht einem nicht mehr aus dem Sinn. Wie dem Hungrigen das Brot.

Und so wird der Mangel zum Nährboden des Heiligen. Wo nichts mehr wächst, gedeiht das Unerreichbare ebenso wie die Sehnsucht danach: Der perfekte Körper, die ewige Jugend, das große Geld.

Ist also nur das von Wert, was man nicht hat? Nicht unbedingt. Wer es hat, ist da nicht so wichtig, Hauptsache, es gibt nicht viel davon. Eine Welt voller schlanker Ewigjunger sieht keinen Grund mehr, sich nach ihnen zu sehnen. Und dann werden es die jungen Schlanken sein, die als Erste das Ideal der molligen Seniorin an den Blätterhimmel projizieren.

Was bleibt, ist nicht viel: Wertvoll wird etwas dadurch, dass es nur wenig davon gibt. Und vielleicht hat auch diese Einsicht nur deswegen einen Wert, weil sie limitiert ist – oder gar begrenzt?

Wie auch immer: Limitiert ist wertvoll. Und nur, wenn das so bleibt, lässt sich mit kostbaren Einsichten Geld verdienen. Wird der Markt erst mal mit Einsichten überschwemmt, dann werden sie immer wertloser – zumindest für die, die damit Geschäfte machen.

Eine grauenvolle Vorstellung. Vielleicht sollte man auf Einsichten eine Steuer erheben – oder zumindest eine Einfuhrbeschränkung. Wäre das nicht eine zeitgemäße Form von Knowledge Management? Die zugehörige proficiency müsste natürlich noch kreiert werden. Der Phantasie sind da keine Grenzen gesetzt – solange daraus keine Einsicht wird.

Digitalisierung und erlernte Hilflosigkeit: Eine fatale Kombination

Das derzeit größte Problem für Arbeitnehmer und für Menschen die sich aus- und weiterbilden, ist der radikale Wandel der Lern- und Arbeitswelt. Zwar ersetzen wir im Moment das Wort „Problem“ immer häufiger durch „Herausforderung“. Mein Eindruck ist jedoch: Die Mehrheit der Menschen, denen ich begegne, erleben die digitale Transformation als Problem. Ein Problem, das einfach nicht weggehen will, sondern immer größer wird – und niemand macht was dagegen. In Beratung und Coaching begegnet mir zunehmend eine als bedrohlich erlebte Hilflosigkeit. 

Die digitale Transformation wird deshalb so erlebt, weil sie sich in atemberaubendem Tempo auf zwei zentrale Lebens- und Gesellschaftsbereiche ausweitet: auf die Bildung und auf die Arbeit. Und da „Arbeit“ in unseren Breiten ein durchweg ökonomisch besetztes Phänomen ist, wird der Druck noch stärker. Es geht uns nämlich materiell an den Kragen. Und zwar existenziell.

„Digitalisierung“ ist längst kein privates Phänomen mehr, das ich wählen oder dem ich ausweichen könnte. Es geht nicht einfach um Online Shopping, Dating und WhatsApp. Die Digitalisierung hat längst alle Arbeits- und Lebensvollzüge erfasst und stellt sie radikal auf den Kopf. Fast täglich wird immer deutlicher, dass und wie sich so gut wie alles verändert, was unser Leben betrifft: Die Formen des Zusammenarbeitens, des Lernens, der Orientierung, der Kommunikation, der sozialen und politischen Teilhabe, der Produktion, der Logistik, des Erwerbs.

Erlernte Hilflosigkeit als kollektives Reaktionsmuster der Gegenwart

Als unlösbar erlebte Probleme lösen Krisen aus – nicht umgekehrt. Politisch, ökonomisch, individuell. Wir wissen dann nicht, wie wir die Sache stemmen sollen. Wir erleben uns als hilflos. Und wie immer in Krisen greifen wir unbewusst auf Strategien zurück, die wir in früheren Situationen erlernt haben. Im Moment lautet diese Strategie flächendeckend „erlernte Hilflosigkeit“. Und Entrüstung – die gemäß Walther Rathenau nichts anderes ist als ein Bekenntnis zur eigenen Hilflosigkeit. Und woher kommt die?

Die prägenden Phasen unseres Lebens decken sich in der westlichen Kultur über weite Strecken mit der Schulzeit. Grundsätzliche Haltungen und Einstellungen gegenüber der Welt, den Mitmenschen und sich selbst werden in dieser Zeit eingeübt. Die dort erfahrenen Prägungen wirken nachhaltiger und stärker als alles, was uns zu späteren Zeiten im Leben begegnet – unter anderem deshalb, weil wir in den frühen Lebensphasen vor allem das sind, was wir in späteren Jahren eher fürchten: hilflos. Was wir in Phasen der Hilflosigkeit erleben, wirkt besonders prägend, gerade weil wir uns als unfähig erleben. Sei es, weil wir es aus Gründen der biografischen Entwicklung tatsächlich sind – oder weil wir uns dafür halten.

In unseren Breiten wird „erlernte Hilflosigkeit“ durch Erziehung und Bildung besonders stark gefördert. Beide konfrontieren uns mit einer umfassenden Expertenkultur und mit dem Mantra der Komplexität („Du kannst eh nichts ändern“). Bereits die Schule praktiziert eine lückenlose Versorgermentalität. Sie müllt uns jahrelang zu mit Informationsmyriaden, die uns hoffnungslos überfordern. Und meine Erfahrung aus Beratung und Therapie zeigt mir: Gerade Schule und Erziehung ermöglichen jungen Menschen bis heute nicht, ein reifes und selbstgesteuertes Verhältnis zu ihren Grundbedürfnissen zu entwickeln.

Erlernte Hilflosigkeit spielt Führungskräften in die Tasche

Führungskräfte in Bildung und Wirtschaft repetieren im Zusammenhang mit der digitalen Transformation pausenlos ihr Lieblingsargument: „Die Leute können gar nicht selbstständig denken und arbeiten. Die wollen das gar nicht. Die wollen geführt werden. Die wollen, dass man ihnen sagt, was sie zu tun haben. Die wollen gar keine Verantwortung übernehmen.“ Das höre ich von Lehrern, von Vorgesetzten, von CEOs, Personalchefs und besonders oft von Inhabern aus dem KMU-Bereich. Und weiter: „Die betteln ja förmlich darum, dass man ihnen sagt, was sie zu tun und zu lassen haben.“

Keiner kommt jedoch auf die Idee, dass hier nicht über ein Wesensmerkmal von uns Menschen verhandelt wird, sondern über einen Effekt aus Bildung und Erziehung: Die erlernte Hilflosigkeit. Die kommt aus der Schule und aus Elternhäusern, die ihrem Nachwuchs das Essen ans Bett tragen. Das beste Rezept für erlernte Hilflosigkeit ist es, einerseits von Menschen umgeben zu sein, die die Dinge für mich tun statt mich konsequent dabei zu unterstützen, sie selber zu erledigen, und andererseits von Menschen, die alles konsequent besser wissen und sich berufen fühlen, mich und meine Versuche, die Welt und mich selbst zu verstehen, pausenlos bewerten und benoten.

Wir Menschen kommen nahezu hilflos auf die Welt. Das Entscheidende, was uns am selbstbestimmten Leben hindert, ist jedoch die erlernte Hilflosigkeit, die sich daran anschließt. Schon früh im Leben lernen wir, dass es für jedes Problem, für jede An- und Herausforderung jemand anderen gibt, der sie löst. Zuerst Eltern und Lehrer, dann Politiker, Unternehmer, Ärzte, die Pharmaindustrie – und nicht zu vergessen der allumfassende Konsumapparatschik, der jedes erdenkliche menschliche Bedürfnis befriedigt, bevor es entstanden ist. Wenn wir mit irgendetwas nicht weiter kommen, wird es immer jemanden geben, eine Hotline, eine Wahrsagerin, eine Homepage, einen Berater, eine Lehrerin, einen Vorgesetzten, der es besser kann und weiß; jemanden, der für das gesamte Setting verantwortlich ist. Jemanden, dem ich ein ungelöstes Problem weiterreichen kann.

Die Digitalisierung kann ich aber nicht weiterreichen. Ich muss mich auf den Weg ins Ungewisse machen. Am besten mit einer Hand voll Gleichgesinnter zusammen. Komme, was wolle.

Klick zum Buch