Umschalten statt Ausschalten

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Gerald Hofmann: Krippe und Kreuz. Quelle

Die Menschen nehmen sich vor, wenigstens an Weihnachten „von Facebook“ abstinent zu sein. Sich wenigstens dann auszuklinken, mal „abzuschalten“. Als ob es darum ginge, auf eine Droge zu verzichten. In meiner Erinnerung war Weihnachten immer ein Fest des „Abschaltens“. Ganz konsequent. Wir taten so, als wäre alles ganz anders. Funktioniert hat es nie. Vielmehr hat es in der Tiefe verunmöglicht, was es erreichen wollte. Weil Wegschauen und Ausschalten keine guten Voraussetzungen sind für solche Sachen wie Liebe, Friede und Harmonie. Erst recht heute nicht, wo von allem das Gegenteil herrscht.

Was funktionieren könnte, wäre ein Umschalten. So wie es uns die Religion lange Zeit ermöglicht hat mit ihren faszinierenden Ritualen – gerade die christliche, gerade an Weihnachten. Aber dieser Pfad ist tot. Der einzige Grund, aus dem Weihnachten heute nicht gefeiert wird, ist der eigentliche.

Der Ruf nach „Wenigstens heute wollen wir unsere Ruhe haben“, lässt aber nichts verstummen. Er muss übertönen.

Auch wenn wir uns von Jahr zu Jahr noch stärker einpacken in den Konsum, auch in den Konsum von Ideologien, Verallgemeinerungen, auch indem wir die Kunst des „mehr Desselben“ auf die Spitze treiben, die jährlich mit dem Berg höher wird, den wir anhäufen.

Optimismus ist kein Argument

Es gibt da ja die Optimisten, die uns immer wieder leicht verstörend darüber informieren, dass es noch nie so wenig Terroranschläge wie heute gegeben hätte, dass noch nie so wenig Menschen an Hunger gestorben sind, so viele zur Schule gegangen, so wenige an Krankheiten gestorben sind und noch nie so viele von ihrem eigenen Geld leben konnten. Wie heute.

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Quelle

Um welchen Preis? Um den Verlust der beiden zentralen Ressourcen des Lebens: Der natürlichen Lebensräume und des Lebenssinns. All diese „Ressourcen“ wie Geld, Bildung, Gesundheit und Sicherheit, dienen ja einem höheren Zweck. Wir sorgen für sie, weil wir dadurch ein höheres Gut verwirklichen wollen: Menschlichkeit. Soziale Wärme, Partizipation aller an der Gestaltung der Lebensräume. Was hingegen im Moment für eine unglaublich große Anzahl an Menschen – trotz materieller Verbesserungen – abnimmt, ist die Sinnperspektive. Die Aussicht auf ein erfülltes Leben jenseits instrumentaler und funktionaler Kompetenzen und Ressourcen wie Lesen, Schreiben und Rechnen. Ganz abgesehen davon, dass wir ökologisch gesehen endgültig auf Pump leben.

So zu tun, als wäre der Fortschritt, auf den die Optimisten verweisen, „realer“ als Angst, Trauer  und Sinnleere der Marginalisierten, als wäre er ein Argument dagegen, ist zynisch. Ein einziger Terroranschlag wirft uns im Digitalen Zeitalter um Längen zurück. Optimismus ist doch kein Argument. Er ist eine Erfahrung derer, die ihn sich leisten können.  „Dein Leid teile ich auf Facebook“ – habe ich neulich gelesen. Auf Twitter.

Wir schaffen es eben nicht

Ich denke, auch 2016 gibt es keine Alternative zum Weiterwursteln als das Innehalten. Zu erkennen, dass das Leid an seiner Wurzel ein kollektives ist. Ebenso wie die Aussichtslosigkeit des Unterfangens, das schiere Ausmaß in den Griff zu bekommen. Es geht um eine wichtige Erfahrung: Wir schaffen es eben nicht. Nicht aus eigener Kraft. Es ist auch nicht gesagt, dass uns ein Gott aus der Patsche hilft. Diese Diskussion ist zu Ende geführt. Offen bleibt für mich die Frage, was unser gemeinsames Hoffen und Sehnen dennoch ausrichten könnte. Ein geteiltes. Ein mitgeteiltes. Ein gefeiertes. Welche Kraft in dieser geteilten Überzeugung liegen könnte, dass der Schrei aus der Dunkelheit nicht ungehört verhallt:

Euch ist heute ein Retter geboren. Der ist Christus. In Davids Stadt. Und dies sei euch ein Zeichen: Ihr werdet ein Kind finden, in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegend.

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Autor: Christoph Schmitt

collaboration coach & learning engineer. swiss based, exploring the planet(s) for better education, in love with creative knowledge working www.bildungsdesign.ch -> enabling people & organizations to bring digital & analog learning together -> building the bridges between fields & professions of education -> to help teachers teach & learners learn

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