Wenn die Bildung aus der Rolle fällt – um aus der Falle zu rollen.

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Piero Maspoli & Markus Uhr: Falle und Köder

Mittlerweile steht ja fest, was wir alles können müssen, um uns in der Digitalen Transformation zu Recht zu finden. Es ist längst klar, welche Kompetenzen wir in den neuen Organisationsformen brauchen. Wir wissen, dass uns ein völlig veränderter Arbeitsmarkt ausspucken wird, wenn wir uns nicht die entscheidenden „digital literacies“ aneignen. Das alles ist klar. 

 

Was wir noch nicht wissen: Wie & wo wir das alles lernen. In den herkömmlichen Bildungssilos lernen wir es nicht. In den Silos lernen wir alles bis auf das, denn es gilt noch immer: „What a person learns in a classroom is how to be a person in a classroom.“ Auch wenn dieser „classroom“ jetzt total innovativ und virtuell ist. Es bleibt ein „classroom“.

Deshalb meine hartnäckige Frage: Wie lernen wir – gemeinsam und Generationen übergreifend – mit diesen radikalen Entwicklungen klar zu kommen und uns auf die Konsequenzen einzustellen? Wie durchschauen wir, was im Moment passiert in der Ökonomie, in der Kultur, in der Gesellschaft? Wie lernen wir, das alles zu gestalten? Jede unserer Bemühungen, das Neue an unserer Zeit zu begreifen und anzupacken, landet ja immer wieder bei den alten Mustern und Methoden, „die aus einer Zeit stammen und auf ein Zeitalter zugeschnitten waren, in denen Welt und Menschen waren, was sie nicht mehr sind.” (Michel Serres) Wie finden wir aus diesem Teufelskreis heraus?

Dem Menschen das Lernen zurück geben

Es geht aber nicht darum, das Lernen abzuschaffen. Es geht auch nicht darum, es beliebig zu machen. Das geht beides nicht, weil Lernen eine Grundfunktion des Menschen ist. Wie das Atmen. Was wir aber so schnell wie möglich tun müssen: das Lernen und die Bildung radikal entschulen – und sie dadurch dem Menschen zurückgeben.

Als erstes befreien wir das Lernen von den absurden Vorstellungen, mit denen es das Bildungssystem verzerrt hat: dass Menschen das Lernen nicht mögen und langweilig finden und es nach Möglichkeit vermeiden; dass Menschen angereizt werden müssen, damit sie lernen; dass sie am liebsten angeleitet werden und keine Verantwortung für ihr Lernen übernehmen möchten; dass Menschen vor allem Druck brauchen um zu lernen, und dass nur wenige von uns zu echter Kreativität fähig sind.

Diese Vorstellungen sind durch die Bank falsch. Hartnäckig und falsch. Es sind systematische Verleugnungen unseres menschlichen Wesens. Auch wenn wir solche Phänomene am Laufmeter beobachten. Sie haben nichts mit unserem Wesen zu tun. Was wir an Lernfrust in und um uns beobachten, wird durch das Bildungssystem selbst hervorgebracht. Wir lernen diesen Frust in der Schule. Es handelt sich um Schutzmaßnahmen, die wir uns angeeignet haben, weil uns Schule seit Generationen zu passiv Rezipierenden, zu Repetierenden und zu Wiederkäuern abrichtet, für die ein ganzes Bildungsleben lang gilt: Nach der Prüfung ist vor der Prüfung.

Zuerst die Haltung ändern: Neugierig werden, Kontakt aufnehmen, Entdecken lernen.

 

Der legendäre Inspektor Columbo als eine Ikone des investigativen Fragens. (Quelle)

 

Als erstes hören wir mit dem ständigen Download alter Muster auf und beginnen an unserer Haltung zu arbeiten. Wir sehen für einmal genau hin und entdecken an beeindruckenden Beispielen, was heute schon alles möglich ist. Für die klassische „Schulzeit“, in der so viel grundgelegt wird, gibt es nämlich schon längst erfolgreiche alternative Konzepte: Sudbury, Montessori, die Freien Demokratischen Schulen, die Schulen für Potenzialentfaltung, die Schulen im Aufbruch und etliche mehr. Sie alle leisten seit Jahren und Jahrzehnten hervorragende Arbeit.

Auch in Hochschule und Weiterbildung entstehen derzeit auf breiter Basis neue Bildungskonzepte, die sich den Herausforderungen der Digitalen Transformation und dem radikalen kulturellen Wandel in Gesellschaft und Ökonomie stellen. Wenngleich wir hier noch am Anfang stehen in Europa. Hochschulen wie das MIT oder Standford, aber auch Anbieter wie udacity und coursera machen fast täglich Fortschritte in der Entwicklung hochprofessioneller, faszinierender digitaler Bildungskonzepte. Hier gibt es einen Einblick in den aktuellen Stand der Dinge. Wer diese pulsierenden Alternativen finden will, muss heute einfach googeln und Kontakt aufnehmen. Netzwerke knüpfen, erste Schritte machen. Reinspringen und staunen.

Der Weg in neue Bildungskulturen führt also vor allem über die Begegnung mit Menschen und Projekten, die schon unterwegs sind. Ausprobieren, über die Schulter kucken, selber praktizieren, sich vernetzen, sich selbst und etwas Neues entwickeln, Prototypen neuen Lernens mit-designen, und in all dem neue Formen der Organisation und der Kommunikation (er)leben: Holacracy, die evolutionäre Organisation nach Frederic Laloux, oder auch SCRUM.

Und in diesen Suchbewegungen und „Suchbegegnungen“ beginnen wir, Bildung und Lernen neu zu erleben und entwickeln dadurch bereits neue Formen des Gestaltens. Wir entdecken und vernetzen neue Felder und Beteiligte. Das ist es, was hinter dem Phänomen des De-Schooling steckt.

De-Schooling, oder: Wenn das Lernen aus der Rolle fällt um aus der Falle zu rollen.

De-schooling meint „Entschulen von Lernen und Bildung“; das Befreien menschlichen Lernens von den Gängeleien und Verkürzungen der klassischen Verschulung. Übrig bleiben dann nicht atomisierte Individuen, die irgendwo vor sich hin lernen oder auch nicht. Es entsteht keine Beliebigkeit (die ja eher im klassischen Schulsystem gang und gäbe ist, etwa im Kontext von Prüfungen, Bewertungen und Selektionsverfahren, die Eindeutigkeit ja nur simulieren). Vielmehr entwickeln wir stattdessen kollaborative und ko-kreative Räume und Strukturen, Prozesse und Methoden, die das Wesen und das Potenzial menschlichen Lernens unterstützen und abbilden. Von Kindesbeinen an bis in die Felder der Erwachsenenbildung.

Darum geht es ab jetzt: Orte, Räume, Wege, Strukturen, Freiheiten, Begleiter und Co-Learner zu finden, an und mit denen Menschen menschengerecht das Lernen lernen. Dabei kommen wir dann ganz ohne Besserwisser, Keynotes und Artikel wie diesen hier aus. Stattdessen generieren wir Wissen und Kompetenz demokratisch: in barcamps, in einer Kultur der sharing ecology, des geteilten Lernens. Das Schöne daran ist, dass es das alles schon (lange) gibt. Wir fangen also in keinem Fall bei Null an sondern damit, die traditionellen Funktionen von Bildung zu „entbündeln“.
Lernen und Bildung Stück für Stück freisetzen: unbundling

unbundling
unbundling is „uncageing“

Was in vielen Bereichen unseres Lebens schon erfolgreich funktioniert (eindrückliche Beispiele gibt es hier), wird auch die Bildung revolutionieren. In den Worten eines Profis: „We have new opportunities to abandon unnecessary bundling in favor of choice and flexibility. We’re seeing this disruptive effect everywhere — from entertainment to work to enterprise technology.“

Wir stellen das, was wir brauchen, effizient und „on demand“ zusammen:

  • Musiktitel statt ganzer Alben
  • Artikel statt Zeitungen
  • Beim Fliegen buchen wir alles Mögliche hinzu- und weg
  • Arbeit wird von Unternehmen entkoppelt und entpackt, in einzelne Projekte zerlegt und an Freelancer vergeben
  • Das Phänomen des „Besitzes“ entbündelt sich immer mehr: Er wird situativ geteilt, gemietet und verliehen. Um Zugang zu haben, muss ich nicht mehr „besitzen“.
  • Klassische Familienfunktionen spalten sich auf in einzelne Tätigkeiten, die unterschiedlich „besetzt“ werden können u.v.m.

Dieses „unbundling“ führt zu einer vertieften Personalisierung und zu mehr individueller Freiheit in ganz vielen Lebensbereichen. Er eröffnet ein ungeahntes Feld an persönlichen, politischen und professionellen Verschiebungen.

Was heißt das für die Bildung? Statt Menschen von Kindesbeinen an ein klassisches „Rundum sorglos Bildungspaket“ aufzuzwingen, ein „bundle“ mit der Katze im Sack, das volle Programm (Verwaltungsobhut, soziale Selektion, Belehrung und Erziehung), wird Bildung künftig unbundled. Wer einzelne Funktionen braucht, stellt sie zusammen und ruft sie ab. Menschen entscheiden sich für das, was für sie hier und jetzt notwendig und hilfreich ist, um mit sich, der Welt und ihren Mitmenschen einen Schritt weiter zu kommen. Und genau dazu befähigt Bildung.

Berufe in erziehenden und bildenden Bereichen (vormals „Lehrer“) richten sich an den Funktionen und Aufgaben aus, die von den jeweiligen Ziel- und Anspruchsgruppen eingefordert werden – nicht mehr umgekehrt. Dadurch ermöglichen wir eine Differenzierung, eine zielgenaue Spezialisierung von Bildungs-Dienstleistungen und Skills.

Dass es (endlich) soweit ist, erkennen wir daran, dass Bildung nicht mehr auf irgendetwas vorbereitet, sondern dass wir mit ihrer Hilfe unsere konkrete Realität hier und jetzt als eine Herausforderung begreifen; dass Bildung nicht mehr Grundhaltungen und Fähigkeiten lehrt und prüft, sondern sie täglich praktiziert. Wir erkennen es daran, dass das Mantra „Schule jetzt – das Leben später“, verstummt ist – und daran, dass Bildung nicht länger Chancen eröffnet und vorenthält, sondern dass sie die ergriffene Chance ist.