Die Moral: Ein räudiger „Blog-Buster“?

Moralapostel
Quelle

Im 21. Jahrhundert ist die Heterogenität der Weltbilder, Moralen und Werte Realität. Zumindest im deutschsprachigen Raum. Dazu zählen für mich Stichworte wie der Wegfall des legitimierenden Charakters der großen Erzählungen (religiöser, nationaler oder politischer Herkunft) und die weitgehende Säkularisierung der Gesellschaftsentwürfe. Die Entkopplung des Religiösen vom öffentlichen Diskurs und seine Verlagerung ins Private, der Paradigmenwechsel von einer institutionell verantworteten und geprägten Religiosität zu einer individualisierten Glaubenshaltung.

Hate Speech statt Kommunikation

Nirgendwo sind Indifferenz, Eigenmächtigkeit und Willkür stärker im Kommen als in Sachen Moral. Einerseits werden überall ethische Forderungen aufgestellt. Sie sind in politischen Programmen zu lesen, sie werden auf Fahnen geschrieben und in den sozialen Medien ritualmäßig verbreitet. Forderungen nach Frieden, Transparenz, nach ökologischem Wirtschaften, nach gerechter Ökonomie, nach Anerkennung von Lebensformen aller Art, nach Gleichwertigkeit der Rassen und Geschlechter. Zwar treibt die postmoderne, sich als globalisiert titulierende westliche Gesellschaft diese Themen in einer endlosen Prozession lautstark vor sich her. Andererseits bleibt bei diesem Geschrei etwas ganz Wesentliches auf der Strecke: Die ethische Aufwertung individuellen und institutionellen Handelns. Ethik und Moral haben sich zu einer Art „blog buster“ entwickelt. Sie sind wahre Gassenhauer geworden, die in den Foren des Internets verwurstet werden zu einem über weite Strecken unreflektierten Handgemenge moralischer Entrüstungen, in dem vor allem niedere Bedürfnisse befriedigt werden: verbal um sich schlagen, beleidigen, nach Endlösungen jeglicher Art rufen, Schuldzuweisungen formulieren, an den Pranger stellen, entlarven, bloßstellen u.v.m.

revolver
Hate Speech

„Werte einfordern” war schon immer ein urmoralisches Anliegen. Moral verpflichtet Menschen auf ein bestimmtes Handeln. Das ist ihre Funktion. Heute ist daraus ein „Volkssport” geworden: nach abendländischen, nach christlichen Werten zu rufen, die „einzuhalten” seien, zu verwirklichen – gegenüber anderen Werten, die als Konkurrenz, als Ent-Wertung erlebt werden. Solches Zetern zeugt von tief moralischen Reflexen, die allerdings zu einem Traktandum auf einer ritualisierten und medialisierten Agenda mutiert sind. Kulturgenetisch verändert zu „Blog-Bustern”. Moral ist ein Blog-Buster. Je größer die Empörung, umso höher die Klickrate. Wellenartig bewegt sich diese Prozession fort und im Kreis.

Ich hätte gerne eine ethische Diskussion angezettelt zu der Frage, woran es liegt, dass es immer schwerer wird, sich längere Zeit für eine Sache zu begeistern, dass es immer schwieriger wird, Krisen durchzuhalten, dass immer mehr Menschen im Spiegel der Mediengesellschaft sich selbst als die eigentliche Krise begreifen, die es ständig zu bewirtschaften gibt. Woran liegt es, dass junge Menschen sich schwertun, in ihrem Leben eine Orientierung zu finden, die den Namen verdient? Oder finden sie ganz einfach nicht die Orientierung, die ihre Erzieher gerne für sie hätten?

Double Bind Botschaften als Normalzustand

Die Gesellschaft will, dass junge Menschen ehrgeizig sind, andererseits sollen sie aber auch rücksichtsvoll sein. Eltern und Lehrer sollen zur Begrenzung erziehen, aber überall wird „Schrankenlosigkeit” gepredigt. Der Konsum wird ja nicht weniger, es wird ihm lediglich eingeredet, er müsse fairer sein und „bio”. Die Familie soll Menschen bindungsfähig machen (aufgrund welcher Ressourcen?), während Bindungslosigkeit immer mehr zum Ideal wird. Reife soll ein Erziehungsziel sein, aber der Alltag ist bestimmt vom Jugendlichkeitswahn. Die Kinder sollen geistige Neugierde entwickeln, aber der Bilderstrom der Medien ertränkt jedes Geheimnis.

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Shop until you drop, by Banksy

Es gibt keinen selbstverständlichen Konsens über selbstverständliche Normen und Werte, an denen sich die Mehrheit einer Gesellschaft orientieren und ausrichten würde. Es gibt keinen selbstverständlichen Konsens über selbstverständliche Werte, die alle Menschen in meinem Lebensumfeld voraussetzungslos für sich bejahen würden.

So mancher Zeitgenosse beruft sich auf die Aussage, dass früher alles besser war. Aber das ist nun wirklich ein kurzsichtiges Statement. „Besser” meint hier allenfalls „übersichtlicher” und weniger komplex. „Früher“ wurde den Menschen einfach klipp und klar gesagt, wo es langgeht. Aber das ist auf dem Hintergrund allein schon der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts nicht wirklich erstrebenswert: dass andere mir sagen, was ich zu tun und zu lassen habe. Ich denke, wir müssen heute einen anderen Weg einschlagen – gerade in Fragen der ethischen Bildung.

katze
Früher war alles besser!

Auf diesem Hintergrund schlage ich vor, den Begriff und die Sache des Wertes neu ausbuchstabieren und zwar so, dass klar wird, worum es hierbei geht: um ein reziprokes für-wert-halten des Gegenübers in einem ausbuchstabierten Dialog, in gemeinsam gestalteten Interaktionen, in Wellen des aufeinander Achtens. Wer für sich selbst sorgen kann, sorge (auch) für andere. Der andere zuerst für sich selbst, oder: Trau keinem Nackten, der dir ein Hemd schenken will.

Woran erkennt ein junger Mensch, ob und dass er sich in einer Gemeinschaft oder Gruppe bewegt, in der eine lebendige Form der Wertevermittlung in diesem Sinne praktiziert wird?

Zuerst: Werte leben. Dann drüber reden.

Daran, dass er oder sie dort auf Menschen trifft, die sich mit ihm und ihr ernsthaft beschäftigen und auseinandersetzen. Nicht um sie von etwas zu überzeugen, sondern um ihnen die Möglichkeit zu geben, sich selbst in diesen Auseinandersetzungen immer besser zu verstehen. Menschen, die zuhören, wenn er oder sie in welchen Formen auch immer von seinem und ihrem Leben und von seinen und ihren Erfahrungen erzählt, von ihren Sorgen, Nöten und Freuden. Ganz banal. Menschen treffen auf Menschen, die sich einander anvertrauen.

Weil ich Offenheit vorfinde, werde ich selbst offener und kann mich gegenüber Anderen öffnen. Ich kann mit diesen Menschen streiten, weil meine eigene Meinung zählt, nicht weil sie nicht zählt. Nach einem Streit ist Versöhnung möglich. Das bedeutet: Es gibt keine Verlierergefühle, die nicht aufgehoben werden könnten zugunsten eines nächsten Entwicklungsschrittes. Wir nützen einander nicht gegenseitig für unsere Zwecke aus, sondern es waltet eine Kultur der Transparenz und des gegenseitigen Respekts, die freie Entscheidungen ermöglicht. Auf diese Weise werden die entscheidenden moralischen Werte nicht nur verwirklicht, sondern vermittelt – in einem gelingenden Miteinander.

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Oder das Ergebnis davon?

Der oberste Wert ist meines Erachtens ein gelingendes Miteinander, das heute und in Zukunft ständig neu ausgehandelt werden muss. Das gelingende Miteinander ist bereits ein unersetzlicher Wert – vor allen Dingen in der heutigen Zeit. Es ist die Bedingung dafür, dass einzelne Menschen sich als solche entfalten, sich quasi „individualisieren” können, um auf dieser Spur das Miteinander voran zu bringen. Das setzt erneut schrecklich Banales voraus: Miteinander das Leben zu teilen, also: gemeinsam zu essen, gemeinsam die Freizeit zu gestalten, gemeinsam Feste zu feiern. Der anderen zu zeigen, wie wichtig sie für uns ist, ihr unseren Respekt erweisen über alle Verschiedenheit .

Um solche Ziele zu erreichen, müssen Bildungsinstitutionen wie Schulen neue Räume schaffen, Oasen der Begegnung, der Stille und der Ruhe, damit Menschen miteinander ins Gespräch kommen können. Sie müssen solche Formen des Miteinanders pflegen wie junge Pflanzen. Die Sprache pflegen, die Gefühle pflegen – im Sinne einer emotionalen Reife. Miteinander still sein anstatt sich gegenseitig anzuschweigen. Den anderen mit einem Blick auszeichnen, statt ihn oder sie zu durchbohren. Eltern und Lehrer müssen sich auf sehr praktische und folgenreiche Weise bewusst sein, dass sie die ersten und entscheidenden Vorbilder für Kinder und Jugendliche sind – in einem wertorientierten, auf Gegenseitigkeit beruhenden „Dialog der Menschwerdung”. Ein Dialog, in dem Scheitern nicht verboten ist, sondern eine Erfahrung, die durchlebt und reflektiert werden muss.

Dieser Blog-Beitrag ist ein Ausschnitt aus meinem aktuellen Buch. Mehr dazu finden Sie hier:

 

Cover_gesamt_Herbst2016_15x23.indd
Quelle

 

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Autor: Smyddi

swiss based, exploring the planet(s) for better education, in love with creative knowledge working www.bildungsdesign.ch -> enabling people & organizations to bring digital & analog learning together -> building the bridges between fields & professions of education -> to help teachers teach & learners lern

2 Kommentare zu „Die Moral: Ein räudiger „Blog-Buster“?“

  1. Ich komme mir gerade blöd vor, weil ich deinen Artikel getweetet habe. Das ist keine Auseinandersetzung über Werte, wie du sie – wenn ich es richtig verstehe – einforderst. Auseinandersetzen ist ein falsches Wort, weil wir uns ja zusammensetzen sollten, um miteinander zu essen, reden, feiern und lieben. Und dass hierfür ein für-wert-halten des Gegenübers wichtig ist, das sehe ich auch so. Nur wie so oft, frage ich mich dann: Und jetzt?

    Ich habe dein Buch noch nicht zuende gelesen, vielleicht finde ich dort Hinweise auf Möglichkeiten des Handelns?

    Herzliche Grüße,
    Joachim

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    1. Zuerst einmal Dankeschön für’s retweeten! Der Blog-Beitrag ist im Prinzip eine Zusammenfassung des entsprechenden Kapitels aus diesem Buch (ich freue mich übrigens, dass Du ein Leser bist). Dort wird es auch sehr konkret, wie das aussehen kann.
      Herzliche Grüße zurück
      Christoph

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