Was die Digitalisierung mit gemeinsamen Visionen zu tun hat

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Die beiden Starfiguren im Film „Zurück in die Zukunft“: Marty McFly und Doc Brown – hier abgebildet auf einer Wandmalerei. (Quelle)

Wir haben Angst vor der Digitalisierung. Wir hoffen, dass der Kelch an uns vorübergeht. Wir fühlen uns überfordert: von der neuen Technik, dem Tempo und vor allem von den Konsequenzen. Deswegen stellen wir uns tot. Reden uns ein, dass das alles nur ein Hype ist. Aber es wird kein Stein auf dem anderen bleiben. Deshalb brauchen wir jetzt vor allem eines: Eine gemeinsame Vision, wie wir in Zukunft leben wollen. Wie wir zusammenleben wollen. Aber langsam und der Reihe nach:

Die Digitalisierung sorgt zunehmend für Unsicherheit und Bangen. Es ist wie auf einem Langstreckenflug, wenn uns der Kapitän vor heftigen Turbulenzen warnt und uns bittet, angeschnallt zu bleiben. Dann harren wir unbewegt der Sturmfront, es schüttelt uns ordentlich durch – und es wird schon gutgehen.

Mein Eindruck ist, dass sehr viele Verantwortliche in Bildung & Arbeit die Digitalisierung in etwa so einschätzen: Als aufziehende Sturmfront, als heftiges Schütteln, das vorbeiziehen wird.

So ist sie aber nicht. „Digitalisierung“ steht nicht für einen vorübergehenden Trend, sondern für eine komplette Veränderung der Art und Weise, wie wir in Zukunft leben werden: Wie wir unseren Alltag gestalten, wie wir miteinander kommunizieren, wie wir arbeiten, lernen, unterwegs sind. Wie wir uns organisieren, wie wir bezahlen, kochen, essen, einkaufen. Wie wir medizinisch versorgt werden. Wie wir sind.

Wir stecken bereits mittendrin in diesen Veränderungen. Dass wir „so wenig davon merken“, hat mit der Digitalisierung selbst zu tun. Sie funktioniert vor allem im Hintergrund. Sie ist nicht laut, wie das Zeitalter der ersten industriellen Revolution. Sie ist für unser Auge beinahe unsichtbar, weil sie keine Fabriken baut, sondern weil sie diese kleiner macht, und häufig überflüssig. Weil sie alles, was mit Produktion zusammenhängt, auf den ganzen Planeten verteilt. Denn ein wesentliches Merkmal der Digitalisierung ist: Sie dezentralisiert. Alles.

Und sie erhöht das Tempo. Unmerklich und überall. Bestellen, Buchen, Entscheiden, Produzieren und Liefern: das alles geht schneller, weil die Digitalisierung Wege nicht verkürzt, sondern abschafft – dort, wo es sie nicht mehr braucht. Wenn Drohnen Essen, Bücher und Medikamente liefern, spielen Staus keine Rolle mehr.

Woher kommt die Angst vor der Digitalisierung?

Die einen sagen: Es ist die Angst davor, sich auf technisches Neuland zu begeben. Es ist die Angst vor den Sicherheitsrisiken, und dass „die Menschen“ einfach nicht dafür geschaffen sind, um mit den Freiheiten und Verantwortlichkeiten der Digitalisierung umzugehen. Dann ist noch die Rede vom Sicherheitsbedürfnis „der Menschen“ und von ihrer Sehnsucht nach Einfachheit, Klarheit und starker Führung.

Das sind Ausreden. Sie erklären etwas mit dem, was eigentlich erst noch erklärt werden muss. Es ist ein klassischer, rhetorischer Taschenspielertrick: Die Symptome werden zum Verursacher eines Problems gemacht, das diese Symptome aber erst auslöst. Die Angst vor der Digitalisierung ist nicht das Problem, sondern ein handfestes Symptom. Und Symptome verweisen auf etwas, das tiefer liegt.

Was wir also im Moment vor allem fokussieren, sind Symptome, nicht die eigentlichen Probleme. Klar ist deshalb: Die lösen wir nicht dadurch, dass wir uns totstellen, uns ins Daily Business flüchten oder den digitalen Fortschritt verurteilen und entwerten. Auch das sind Symptome für ein dahinterliegendes Problem.

Warum fokussieren wir so stark auf die Symptome?

Meine These ist die: Unserem sozialen, ökonomischen und bildenden Handeln ist das „Wozu“ abhandengekommen. Feierlich formuliert: der Sinn. Das ist das tieferliegende Problem.

  • Wachstum, Macht, Hierarchie und Karriere verlieren immer mehr an Attraktivität und an Plausibilität.
  • Die klassischen Beziehungsformen von der Familie über die dörfliche oder städtische Gemeinschaft bis hin zu Vorstellungen über „Nationalität“ bröckeln gewaltig.
  • Schule, Hochschule und Weiterbildung bereiten nicht mehr auf „das Leben“ vor und befähigen definitiv nicht mehr zu einer erfolgreichen Teilhabe an Kultur und Ökonomie.

In diesen drei (oder mehr) fundamentalen, gesellschaftlichen Handlungsfeldern ist uns der Blick auf Ziele verloren gegangen. Ziele, die über funktionalistische Begründungen für unser Handeln hinausgehen. Oder präziser: Wir haben die Ziele funktionalisiert. Konkret: In ökonomischen Kontexten ist das Ziel die schwarze Zahl, eine Zunahme an Gewinn, ist Wachstum das Ziel. Aber wozu? Doch ausschließlich „um seiner selbst Willen“. Wachstum ist gut – fertig. Wir fragen nicht, warum das so ist und ob es noch andere Begründungen geben könnte, die Wachstum wertvoll machen.

Ähnlich ist das im sozialen Kontext und in der Bildung: Prozesse müssen schlank, effektiv und effizient sein, sie werden optimiert und verschlankt. Ein guter Schüler, ein guter Mitarbeiter, ein guter Chef, ein gutes Kind – sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie bestimmte Funktionen erfüllen, aber „hinter” diesen Funktionen steht außer dem Moment der Funktionalität selbst kein weiterer Sinn. Es geht ausschließlich ums Funktionieren. Es geht um Reibungslosigkeit. Gute Studierende „benehmen” sich dann so, dass Abläufe nicht gestört werden: Ein Unterricht, eine Prüfung, der Schülerstrom während eine Unterrichtspause. Eine gute Mitarbeiterin zeichnet sich dadurch aus, dass sie „ihre Arbeit macht” und darüber hinaus nicht auffällt, indem sie zum Beispiel krank werden würde. Eine gute Chefin ist die, die den guten Mitarbeiter nicht dabei stört, wie der seine Arbeit macht.

Wie ließe sich begründen, dass durch das (notwendige) Funktionieren von Abläufen der  Sinn von was auch immer noch nicht „erfüllt” ist?

Neue Ziele finden – alte Werte neu entdecken

„Vermehrung“ als Wert kann etwas Anderes sein, als eine rein ökonomische Zielgröße. Vermehrung kann sich genauso gut auf einen Zuwachs an menschlicher Autonomie und Selbstbestimmung beziehen; auf einen Zuwachs an Achtsamkeit auf die Bedürfnisse, Möglichkeiten und Grenzen derer, die sich als Teil einer menschlichen Arbeits- und Lebensgemeinschaft verstehen.

Dann wird die Frage, warum Wachstum und Zunahme wertvoll sind, mit einem Zweck beantwortet, der über das Vermehren selbst hinausgeht – und es mit einem Zuwachs an Lebensqualität begründet. Für alle. Eine gute, große Ernte (an Getreide, Früchten, Gemüse), wird nicht um ihrer selbst Willen angestrebt, auch nicht aus preispolitischen Gründen, sondern weil sie Menschen als biologische Lebensgrundlage dient. „Mehr“ ist gut, weil es unsere Lebens- und Handlungsmöglichkeiten erweitert. „Fülle“ ist in diesem Ansatz kein bloß materieller Begriff, sondern einer mit qualitativen Assoziationen. „Leben in Fülle“ ist dann nicht das „Baden in Geld“, sondern meint eine ganz bestimmte soziale und personale Qualität von Leben. Für alle.

Die Anthropologie klärt uns darüber auf, dass gelingende soziale Beziehungen, und dass ein Mindestmaß an Autonomie und Freiheit zu einem Leben in Fülle beitragen. Auch die Fähigkeit sich selbst zu bilden, sich geistig und emotional weiterzuentwickeln, haben sehr viel mit einem erfüllten Lebens zu tun. „Optimierung“ jeder Art ist dann kein Selbstzweck, sondern sie hat eine dienende und ermöglichende Funktion, um dadurch etwas sehr Menschliches zu verwirklichen.

Diese erweiterten Möglichkeiten und Ziele entwickeln wir aber erst dann, wenn wir um ihren Wert wirklich wissen. Wir entwickeln erst dann Ideen und Motive, die über das funktionalistische Moment hinausgehen, wenn wir solche humanen Ziele formulieren können – aufgrund von Bedürfnissen, die wir bei uns und unseren Mitmenschen erkennen. In dieser Reihenfolge.

Wir beziehen solche Ziele in unser Planen und Handeln mit ein, wenn wir um sie und um ihren Wert wissen.

Visionen als Ausdruck gemeinsamer Ziele

Deshalb brauchen wir gemeinsame Visionen. Gemeinsam entwickelte Vorstellungen darüber, wohin die Reise gehen soll und wie wir als Gemeinde, Unternehmen, Schule oder Land leben wollen. Wie es sich anfühlen soll, hier zu leben. Was Respekt vor dem Leben, dem Mitmensch, dem Fremden wie dem Eigenen für uns bedeutet. Welchen Sinn wir in Begriffen wie Freiheit, Bildung und Menschenwürde sehen. Das sind konkrete Fragen nach Formen und Zielen eines zukünftigen Zusammenlebens auf einem zusammenwachsenden Planeten: „Die Zukunft, die wir wollen, muss erfunden werden. Sonst bekommen wir eine, die wir nicht wollen“ (Joseph Beuys).

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Der Künstler Andreas Felger hat das Thema der lebendigen Vernetzung als Ausdruck visionärer Kraft in unzähligen seiner Bilder thematisiert. (Quelle)

Also: Wo soll’s hingehen?

Das ist die klassische Frage der Taxifahrer. Aber auch im Reisebüro wird sie immer wieder erwartungsfroh gestellt: Was ist ihr Ziel? Wo möchten sie hin?

Je klarer wir uns selbst diese Frage beantworten können, umso kreativer, lustvoller, menschlicher und motivierter, umso freudiger und neugieriger wird der Weg in diese Zukunft.

Wer mit anderen zusammen ein Bild der Zukunft zeichnen kann, in der er und sie ein lebenswertes Leben verwirklicht sieht, hat eine kreative Form gefunden, mit der Angst vor der Zukunft umzugehen. Dann kann auch die Digitalisierung als ein Weg sichtbar werden, der diese Zukunft nicht gefährdet, sondern ermöglicht. Ko-kreativ, kollaborativ, vernetzt, weltumspannend.

Empfehlenswerter LINK zum Weiterlesen:

[Hence, we need to think in terms of scenarios – visions of different, possible futures – to get the full picture of the challenges and, not least, opportunities that the changes will bring.]

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Autor: Christoph Schmitt

collaboration coach & learning engineer. swiss based, exploring the planet(s) for better education, in love with creative knowledge working www.bildungsdesign.ch -> enabling people & organizations to bring digital & analog learning together -> building the bridges between fields & professions of education -> to help teachers teach & learners learn

1 Kommentar zu „Was die Digitalisierung mit gemeinsamen Visionen zu tun hat“

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