In welchen Kontexten Lernen wirklich gelingt

 

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Von oben herab.

In welchen Kontexten werde ich als Lernbegleiter wirksam? Die meisten Vertreter der lehrenden Berufe sagen: wenn ich als  Experte Content liefere. Sauber aufbereitet. Wenn’s sein muss auch digital. Solche Experten halten sich für das Lernen und für die Entwicklung ihrer Klienten nicht zuständig. Aber es gibt noch ein anderes Mindset zu der Frage, wie ich für lernende Menschen nützlich werden kann.

In diesem Mindset ist Lernen nicht auf eine zentrale (oder frontale) Quelle fokussiert, zu der alle Wissensdurstigen kommen, um sich dort zu versorgen, um ihre Gefäße zu füllen und um das kostbare Gut dann anzuwenden. Eine Quelle, die sich normativ gibt, und die Reinheit für sich postuliert. Eine Reinheit und Klarheit der Lehre. Eine Quelle, die für sich allein beansprucht, Qualität zu garantieren, während der Rest der Welt in die Rollen der Konsumierenden und der Reproduzierenden gebannt ist.

So funktioniert Bildung bis heute – jetzt halt zunehmend digital.

Dass ich selber, um zu wirken, andere Kontexte brauche, hat biografische Gründe. Ich habe in dem Moment angefangen, die Welt aktiv zu befragen, mich neugierig in ihr zu bewegen und fündig zu werden, als sich mir ein Ausweg aus diesen Besserwisser-Kontexten eröffnet hat. Als ich für mich selbst erkannt hatte, dass dieses Besserwisser-Setting das eigentliche Problem ist, weil es jenes Lernen a priori verhindert, das sich die Welt lebenslang und lustvoll selbst erschließt. Warum?

Weil im Besserwisser-Setting immer jemand da ist (und sei es nur virtuell), der es besser weiß. Genauer. Jemand, der oder die dich korrigieren wird. Die das Haar in der Suppe finden wird. Die dir in jedem Moment die Distanz vor Augen führt zwischen dem, was du zu wissen glaubst und dem, was sie weiß. Und kann. Clark Aldrich: „What a person in a classroom learns, is how to be a person in a classroom.

Das motiviert nicht. Es demotiviert. Es deaktiviert die Neugier, die Lust, das Suchen.

Irgendwann habe ich mich in Lern-Kontexten wiedergefunden, in denen Menschen sich nicht dafür interessierten, ihr Wissen und dessen Normativität zu verbreiten, sondern dafür, wie es um mich und uns als Suchende steht. Als Lernende. Bis heute erkenne ich diese Menschen daran, dass sie mir Fragen stellen. Nicht solche, die mich entlarven sollen, keine rhetorischen Fragen oder solche, auf die sie die Antwort schon wissen, zu der sie bereits ansetzen, wenn ich den Mund öffne. Menschen, die nicht fragen um zu erwidern, sondern aus Interesse an meiner Innenwelt, an meiner Weltsicht, an mir.

Fragen also, auf die weder sie noch ich die Antworten wissen in dem Moment, in dem sie die Fragen gestellt hatten. Hier habe ich zum ersten Mal „Augenhöhe“ erlebt. Als mich Menschen eingeladen haben, gemeinsam auf die Suche nach Lösungen zu gehen.

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Quelle

In diesen Situationen entstand in mir eine erste Ahnung von Selbstwirksamkeit. Dass es auf mich ankommt in Prozessen des Lernens. Nicht als Konsument, sondern als Gestalter. Dass es auch auf meinen Beitrag ankommt, der nicht darin besteht, Besserwissern ihr Besserwissen abzukaufen.

Menschen, die mir auf eine ganz wunderbare, weil wertschätzende Art dabei geholfen haben, selbst herauszufinden, in welche Richtungen ich mich entwickeln kann und möchte – und welches Wissen ich dazu brauche und wo ich das finde. Die mir eben gerade nicht „einen Weg gezeigt haben“, sondern die mich dabei unterstützt haben, meinen eigenen zu entwickeln. Nicht zu finden, sondern zu entwickeln.

Wohl deshalb bin ich heute so fest davon überzeugt, dass „Wissen“ als das wertvollste Werkzeug, das wir haben um uns in dieser Welt zu Recht zu finden und sie zu gestalten, nicht „ausgeliefert“ werden kann wie eine Ware. Es entsteht in diesen Suchprozessen, in die sich Menschen ganz und gar freiwillig und selbstgesteuert einlassen – und in denen sie sich auf sich selbst und auf ihre Weggenoss_innen verlassen.

Es hat lange gebraucht, bis ich diesen Unterschied begriffen habe: Anders als im steilen Gebirge liegt in Selbst- und Weltfindungsprozessen die Gefahr nicht darin, dass ich einen falschen Schritt mache und abstürze. Die Gefahr liegt vielmehr darin, dass ich nie lerne, mir meine eigene Welt selbstständig zu erlaufen, weil sie immer schon mit Besserwissern bevölkert ist.

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Einer der für mich bedeutendsten Unterschiede zwischen den heute noch weit verbreiteten, hoch bezahlten und fast immer (!) staatlich abgesicherten Besserwissern und den echten Lernbegleiter_innen ist der, dass letztere nicht nur bereit sind, auch von ihren Mitmenschen zu lernen. Sie sind oft regelrecht begierig darauf, in Lernprozessen mit Jung & Alt dazu zu lernen: neue Perspektiven in uralten Materien zu entdecken, die Serendipity zu genießen, die in zufälligen Begegnungen, Umwegen und scheinbaren Sackgassen entdeckt werden will. Hier geht es nicht darum, wer sich von wem „etwas sagen lässt“, sondern darum, dass ich neugierig bin auf das, was mein Gegenüber mir zu sagen hat. Nicht einfach inhaltlich, sondern viel umfassender.

In eben solchen, offenen Kontexten werde ich als Lernbegleiter wirksam. Kontexte, die  Beziehungen zwischen Menschen ermöglichen, die von scheinheiligen Hierarchien befreit sind, in denen Menschen  miteinander am Lernen sind, in denen eine Fülle an Erweiterungen, Vertiefungen, Verweisen, an neuen Verknüpfungsmöglichkeiten steckt.

Kontexte, in denen es uns gelingt, auf Augenhöhe mit anderen lernenden Menschen (und also auch mit mir selbst) zu kommunizieren. Geprägt von tiefem Respekt und offener Wertschätzung gegenüber der Autonomie und den Wachstumspotenzialen meines Gegenübers.

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Die Bildung kannibalisiert sich selbst

Bildung sieht ihre Aufgabe und ihr Kerngeschäft bis heute darin, Wissen und allenfalls Kompetenzen zu vermitteln. Egal, in welcher Schul- und Unterrichtsform ein Mensch unterkommt: der komplette Apparat ist darauf ausgerichtet, ihm und ihr etwas zu vermitteln. Bis heute hängen wir stärker als der Gläubige an seinem Gott an der irrigen Vorstellung, in der Bildung tatsächlich Wissen zu vermitteln. Und so  sieht denn auch die Bildungspraxis aus – vom Kindergarten bis ins Doktorandenseminar: Menschen inszenieren mehr oder weniger lust- und glanzvoll „ihr Wissen“ vor Publikum. 

Und das, obwohl wir nicht erst seit gestern sehr ausführlich, präzise und empirisch abgesichert darüber informiert sind, dass Mann und Frau Wissen weder vermitteln noch teilen (noch lehren!) können. Auch Kompetenzen und Fähigkeiten können nicht vermittelt werden. Gleichwohl hält das gesamte Bildungssystem in seiner Praxis und Zertifizierungskultur unbeirrt daran fest. Die Forschungslage zu dieser komplexen Thematik findet sich übrigens in ihrer ganzen Breite und Tiefe hervorragend aufgearbeitet und interpretiert in den Publikationen von Rolf Arnold.

Die Überzeugung von der Wissensvermittlung wird also in sämtlichen gesellschaftlichen Diskursen über Bildung weiterhin verwendet. Gegen alle Empirie. Über das eigentliche Kernproblem einer angesichts der kulturellen, wirtschaftlichen und ökonomischen Herausforderungen täglich scheiternden und gescheiterten Bildung 1.0 (und 2.0 und 3.0) denken wir also gar nicht nach. Stattdessen doktern wir an vielfältigen, zumeist technischen Symptomen herum, schrauben an Lehrplänen und verkürzen und verlängern und verkürzen die Schulzeit. Und dann verlängern wir sie wieder. Wir diskutieren uns die Köpfe wund, wie viel digitale Technologie es nun wirklich braucht oder nicht – und das alles mit dem unveränderten Ziel, „auch in Zukunft eine professionelle Vermittlung von Wissen und Kompetenzen zu garantieren“. Dabei geht es, nach allem, was die Faktenlage zeigt, nicht darum, Vermittlungsprozesse zu modernisieren, sie klientenorientiert zu gestalten, sie zu digitalisieren und zu modularisieren. Es geht darum, sie abzuschaffen.

(Quelle)

Nicht einmal teilen kann ich mein Wissen

Weder deins noch meins, noch irgendeins. Wissen kann nur konstruiert werden, dekonstruiert und rekonstruiert. „Teilen“ und „mitteilen“ sind Begriffe, die insinuieren, dass ein empirischer, materiell greifbarer Gegenstand, ein „Inhalt“ (Content) portioniert und verteilt wird. Wie bei Gummibärchen: Ich habe eine Packung, und die teile ich jetzt mehr oder weniger fair mit dir und mit dir. Was da hin und hergeht, verändert dadurch nicht seine Qualität. Und genau das ist, wenn es um Wissen geht, die grandiose Täuschung. Wissen ist niemals „faktisch“, niemals „empirisch“, nie objektiv oder unveränderlich. Es steht zu keinem Zeitpunkt „fest“, und es kann nicht transportiert werden. Transportiert, also höchstens übermittelt werden Daten oder Informationen. Die unterscheiden sich aber so grundsätzlich von Wissen wie der Teig vom Kuchen.

Dass Wasser bei soundsoviel Grad Celsius zu kochen beginnt oder zu Schnee wird, oder dass Flugzeuge ab einem bestimmten Steigungswinkel vom Himmel fallen wie ein Stein, dass wilde Tiere gefährlich sind, und manche Schlangen giftig, das alles ist kein Wissen. Wissen ist die Fähigkeit, solche – je nach Anwendungskontext wertvollen – Informationen nutzbar zu machen. Wissen zeichnet sich dadurch aus, dass es immer nur in einem konkreten Kontext konstruiert wird, in dem Menschen absichtsvoll und zielgerichtet kommunizieren und interagieren, in dem sie Probleme erfassen und lösen. Zu zweit, zu zehnt oder alleine. Im Netz, am Lagerfeuer, in der Geschäftsleitung, im Cockpit. Dabei ist „konstruiert“ nicht das Gegenteil von „real“, sondern die Voraussetzung für Tragfähigkeit. Nicht nur bei Brücken.

Kein Wissen ist objektiv oder ewig, weil jeder Kontext zu jeder Zeit unwiederholbar ist. Kein Wissen ist in seinen Kontexten a priori „richtiger“ oder weniger richtig als anderes. Genau aus diesem Grund ist Wissen jederzeit auf qualifizierte Informationen angewiesen. Wer den Zugriff darauf nicht hat, sitzt deshalb womöglich einem „falschen Wissen“ auf, weil ihm wichtige Informationen fehlen (was er oder sie aber nicht merkt, da er oder sie „felsenfest glaubt zu wissen“). So ergeht es zum Beispiel im Moment dem Bildungssystem selbst. Ständig konstruiert es falsches Wissen über das Wesen und das Zustandekommen von Wissen, weil es als System nicht in der Lage ist, wertvolle Informationen zu kontextualisieren. Wer Wissen mit Informationen gleichsetzt, wird den Möglichkeiten und dem Wert des Phänomens „Wissen“ also in keiner Weise gerecht.

Was nützt, weiterhilft, zur Lösung beiträgt, entscheidet sich immer im Kontext und dadurch, wie die Beteiligten diesen Kontext nutzen und gestalten. Ist das, was ich hier schreibe, also ein Wissen? Nein, es ist meine persönliche Erfahrung, und es ist für Sie als LesendeN eine Information, die Sie, in dem Moment, in dem Sie sie lesen, interpretieren, verneinen, bejahen, verwerfen, kontextualisieren, ignorieren, der Sie heftig widersprechen oder etliches mehr. Indem Sie und alle anderen Menschen jederzeit so vorgehen, ganz von alleine, machen Sie aus Informationen kontextbezogenes Wissen. Deshalb können wir Wissen nicht vermitteln. Wir können es nur – mehr oder weniger erfolgreich miteinander konstruieren. Von Fall zu Fall.

(Quelle)

Der hierarchische Vermittlungszirkus verhindert kompetente Wissensbildung

Eine nächste, sehr große Herausforderung für unsere Bildungskultur liegt hier: In Kontexten der Wissensarbeit sind wir nach wie vor einem Konzept von Hierarchie verhaftet, das die Bedeutung von Wissen an die Strahlkraft einer entsprechend dekorierten Person oder Institution heftet. Vortrag, Vorlesung, Referat, Buch, Artikel und Beststeller, Key-Note Speech und Podiumsdiskussion sind die Formate, in denen sich diese Kultur niederschlägt.

In solchen Inszenierungen wird jedoch auch kein Wissen geteilt, mitgeteilt oder vermittelt. Auch wenn der Chef, der Vorgesetzte, der Lehrmeister, der Korrespondent oder Innenminister in einem Meeting seine schwergewichtige Meinung kundtut, teilt er oder sie nicht Wissen mit, sondern mehr oder weniger relevante Informationen innerhalb eines bestimmten Kontextes. Hier werden (wie in diesem Artikel, den Sie gerade lesen) ausnahmslos Informationen in den Raum und den Anwesenden zur Verfügung gestellt. Verbal, über Bilder, Töne, Gesten, durch soziale Rollen und Hierarchien – eben durch Kontext. Obwohl wir bis heute ganz selbstverständlich davon ausgehen, dass das, was von so genannten Autoritäten (Lehrern, Hochschulen, Forschungsinstituten) produziert wird, hoch qualifiziertes Wissen ist, handelt es sich dabei allenfalls um wertvolle Informationen. Ob und in wie weit diese Informationen etwas zur Lösung einer Aufgabe beitragen oder ob sie ein Projekt weiterbringen, das hängt von der Fähigkeit des Lieferanten ab, seine Informations-Ware anschlussfähig zu machen, sprich: einen ko-kreativen und und kollaborativen Beitrag zur Wissenskonstruktion zu leisten.

Gleichzeitig gilt: Was Sie und alle anderen, die diese und alle Informationen „empfangen“, daraus in welchem Kontext und in welcher Absicht auch immer machen, wie Sie es einsetzen, umformen, vernetzen, ins Gegenteil kehren oder einfach wieder vergessen – das entscheiden allein Sie.

Wissen ist nicht das Ergebnis von Konstruktion. Es ist Konstruktion.

Wissen wird also in keinem Fall vermittelt oder geteilt. Es wird immer mehr oder weniger erfolgreich konstruiert – aus einem Meer an Informationen, die uns mehr oder weniger attraktiv zur Verfügung gestellt werden. Diese Fähigkeit, diese zentrale Kompetenz im Zeitalter der Digitalisierung, wird in unseren Bildungseinrichtungen nicht gelernt.

Genau hier müssten wir in der Bildung ansetzen. Denn in den äußerst agilen Prozessen der Auseinandersetzung mit Informationen aus allen Ecken und von allen Enden der Welt, konstruieren wir uns unser ganz persönliches, in unserem individuellen Kontext (Leben, Lieben, Arbeiten …) bedeutsames Wissen. Das Subjekt dieser Prozesse sind allein wir. Sie und ich, wir sind unsere eigenen Wissensproduzenten. Außerhalb der Grenzen unserer ganz persönlichen Lebens-, Arbeits-, Lern- und Ideenwelt gibt es kein Wissen. Es gibt nur Informationen und Daten.

Auch wenn Menschen zusammen in Projekten engagiert sind (Regieren, Bauen, Verkaufen, Planen), ist das nicht anders, nur komplexer. Dann muss aus mehreren solcher Wissenswelten eine gemeinsame Basis konstruiert werden, die Kooperation und Kollaboration ermöglicht. Wissen ist dann ein für dieses konkrete Projekt entwickeltes, „kollektives Konstrukt“, an dessen Konstruktion alle Beteiligten beteiligt sind. Eine Zusammenarbeit, die sich dieser Unterschiede zwischen Wissen und Information bewusst ist, und die die irrige Meinung hinter sich lässt, dass es irgendwo auf der Welt oder im Netz objektives Wissen gibt, das nur gefunden und angewendet werden müsste, eine solche Kooperation hat viel mehr Chancen auf Gelingen als eine Gruppe von Menschen, die diesem Irrtum erliegt.

(Quelle)

Das Vermittlungsmärchen

Vermittler vermitteln Wohnungen, Versicherungen, Partner. Aber niemals Wissen. So wenig wie Erfolg, oder Liebe, oder Sinn vermittelt werden können. Es gibt ein paar Phänomene auf diesem Planeten, die sind nicht vermittelbar. Ich kann Ihnen keinen Sinn vermitteln. Nur Sie können sich den Sinn für Ihr Leben selbst erarbeiten. Und der gilt dann auch nur für Sie. Und wenn sie das mit Ihrem Partner zusammen angehen, dann gilt dieser „Sinn ihrer Partnerschaft“ für Sie beide – für niemanden sonst. So ist das auch mit Phänomenen wie Erfolg, Glück, Liebe und Wissen. Wissen gehört in die Reihe jener Phänomene, die einerseits für unsere Orientierung, für unser Handeln und für unser Gestalten von Welt völlig unverzichtbar sind, die aber andererseits nicht vermittelbar sind. Wir müssen es selber „machen“. Und selbstverständlich gehören da auch eine Menge Informationen dazu, die wir uns von überall herholen – sowie auch die unschätzbar wertvolle Dimension der Erfahrung.

Vermittler stehen deshalb immer dazwischen. So auch wenn sie pädagogisch tätig sind, oder didaktisch und lehrend. Ihnen ist klar, dass sie weder Stoff noch Wissen vermitteln, ja nicht einmal Informationen. Sie vermitteln zwischen dem, was es alles zu sehen, zu entdecken, zu finden, zu prüfen und zu verknüpfen gibt und denen, die sich auf diesen Weg machen. Vermittler vermitteln nicht „etwas“ sondern „zwischen etwas und jemand“.

Sie sind Realitätenkellner, Ressourcenklempner, Coaches. Das sind relativ neue und sehr interessante Jobs, die gerade erst im Entstehen sind – und die dummerweise weder gelehrt noch vermittelt werden können.

Wie Lehrkräfte digital fit werden

Schritt für Schritt

Schule und Social Media

Die Angst, die Schülerinnen und Schüler würden Schwächen im Umgang mit digitalen Hilfsmittel sofort erkennen und man verliere so als Lehrerin oder Lehrer ihren Respekt, ist so verbreitet wie unbegründet: Wenn Klassen erkennen, dass sie von neugierig Lernenden unterrichtet werden, verzeihen sie vieles. Gleichwohl ist das Bedürfnis nach Rezepten, wie denn die digitale Kompetenz von Lehrkräften ausgebildet werden kann, verbreitet. Medienkompetenz entsteht nicht aus dem Abschreiten von Anweisungen, sondern aus dem aktiven Medienhandeln, seiner Reflexion und dem Erwerb von Wissen dazu. Wer dazu bereit ist, findet in der unten stehenden Liste Anregungen, wie neue Erfahrungen im digitalen Kontext möglich werden.

  1. Lurken
    Die Aufforderung »lurk moar« bedeute in bestimmten Netzszenen der 2000er-Jahre, anderen zuzuschauen um zu verstehen, wie Medienhandlungen funktionieren. Insbesondere in Bezug bei Memes ist das unerlässlich: Ihre Regeln erschließen sich erst, wenn man sie im Kontext ihrer Verwendung miterlebt hat. Als Hillary Clinton auf Twitter Donald Trump aufforderte, sein…

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Wir Zauberlehrlinge

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Quelle

Sucht ist kein Ausnahmeverhalten kranker und geschwächter Individuen in einem System von Unabhängigen. Sucht ist nichts als Gewöhnung. Und die ist ein Wesensmerkmal des Menschen (Ernst Haeckel: Wenn der Mensch nicht zu Asche verbrennen würde, würde er sich selbst an die Hölle innerhalb von Stunden gewöhnen).

Die einen schaffen es, sich in sozial erwünschte Abhängigkeiten zu begeben, andere nicht. Bestraft und verachtet wird nicht die Sucht an sich, sondern das, woran sie sich heftet. Wer nicht sein kann ohne sein und ihr tägliches ökonomisches, administratives, reglementarisches, aktienportofolionistisches oder terminkalendarisches Hamsterrad, der und die wird als tugendhaft prämiert.

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Quelle

Wie viel Sucht in all dem steckt, zeigt sich in dem Moment, wenn Entzug droht. Stockung, Unregelmäßiges.

Wir Zauberlehrlinge

Und wir beginnen früh mit der Gewöhnung. Hauchen die Zauberworte täglich, damit sie ihre Wirkung nicht verlieren: „Kinder brauchen Struktur!“ „Kinder brauchen Regeln!“ Dabei sind wir es, die regulierte Kinder brauchen. Und später dann Angestellte, Konsumenten, Patienten. Womöglich sind die Guten ja einfach die, die in der Mehrzahl sind.

Oder in den Worten des ungarischen Denkers und Literaten Béla Hamvas (um 1960):

„ … der Mensch braucht eine systematische Verteidigung. Zu Beginn reicht es, sich auf die Selbsterhaltung zu berufen. Später muß die Familie herhalten. Schließlich fängt man an, eine sogenannte Weltanschauung zu bauen. In vielen Fällen wird man religiös. Die Ordnung der Dinge ist, dass der Mensch nicht nur lügt, sondern darüber hinaus auch noch beweisen muß, daß er recht hat. Es geht nicht um die ‚Neurose des täglichen Brotes‘. Wenn nur das auf dem Spiel stünde, könnten wir uns darüber leicht verständigen. Weltanschauungen werden nicht im Interesse der Wahrheit errichtet, sondern als Bollwerk gegen das schlechte Gewissen. Die Weltanschauung ist ein ‚wissenschaftliches Gebäude, in dem man seine Beklemmung versteckt‘.“ (Lettre International, Frühjahr 2009, 62).

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Béla Hamvas

Die Moral: Ein räudiger „Blog-Buster“?

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Quelle

Im 21. Jahrhundert ist die Heterogenität der Weltbilder, Moralen und Werte Realität. Zumindest im deutschsprachigen Raum. Dazu zählen für mich Stichworte wie der Wegfall des legitimierenden Charakters der großen Erzählungen (religiöser, nationaler oder politischer Herkunft) und die weitgehende Säkularisierung der Gesellschaftsentwürfe. Die Entkopplung des Religiösen vom öffentlichen Diskurs und seine Verlagerung ins Private, der Paradigmenwechsel von einer institutionell verantworteten und geprägten Religiosität zu einer individualisierten Glaubenshaltung.

Hate Speech statt Kommunikation

Nirgendwo sind Indifferenz, Eigenmächtigkeit und Willkür stärker im Kommen als in Sachen Moral. Einerseits werden überall ethische Forderungen aufgestellt. Sie sind in politischen Programmen zu lesen, sie werden auf Fahnen geschrieben und in den sozialen Medien ritualmäßig verbreitet. Forderungen nach Frieden, Transparenz, nach ökologischem Wirtschaften, nach gerechter Ökonomie, nach Anerkennung von Lebensformen aller Art, nach Gleichwertigkeit der Rassen und Geschlechter. Zwar treibt die postmoderne, sich als globalisiert titulierende westliche Gesellschaft diese Themen in einer endlosen Prozession lautstark vor sich her. Andererseits bleibt bei diesem Geschrei etwas ganz Wesentliches auf der Strecke: Die ethische Aufwertung individuellen und institutionellen Handelns. Ethik und Moral haben sich zu einer Art „blog buster“ entwickelt. Sie sind wahre Gassenhauer geworden, die in den Foren des Internets verwurstet werden zu einem über weite Strecken unreflektierten Handgemenge moralischer Entrüstungen, in dem vor allem niedere Bedürfnisse befriedigt werden: verbal um sich schlagen, beleidigen, nach Endlösungen jeglicher Art rufen, Schuldzuweisungen formulieren, an den Pranger stellen, entlarven, bloßstellen u.v.m.

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Hate Speech

„Werte einfordern” war schon immer ein urmoralisches Anliegen. Moral verpflichtet Menschen auf ein bestimmtes Handeln. Das ist ihre Funktion. Heute ist daraus ein „Volkssport” geworden: nach abendländischen, nach christlichen Werten zu rufen, die „einzuhalten” seien, zu verwirklichen – gegenüber anderen Werten, die als Konkurrenz, als Ent-Wertung erlebt werden. Solches Zetern zeugt von tief moralischen Reflexen, die allerdings zu einem Traktandum auf einer ritualisierten und medialisierten Agenda mutiert sind. Kulturgenetisch verändert zu „Blog-Bustern”. Moral ist ein Blog-Buster. Je größer die Empörung, umso höher die Klickrate. Wellenartig bewegt sich diese Prozession fort und im Kreis.

Ich hätte gerne eine ethische Diskussion angezettelt zu der Frage, woran es liegt, dass es immer schwerer wird, sich längere Zeit für eine Sache zu begeistern, dass es immer schwieriger wird, Krisen durchzuhalten, dass immer mehr Menschen im Spiegel der Mediengesellschaft sich selbst als die eigentliche Krise begreifen, die es ständig zu bewirtschaften gibt. Woran liegt es, dass junge Menschen sich schwertun, in ihrem Leben eine Orientierung zu finden, die den Namen verdient? Oder finden sie ganz einfach nicht die Orientierung, die ihre Erzieher gerne für sie hätten?

Double Bind Botschaften als Normalzustand

Die Gesellschaft will, dass junge Menschen ehrgeizig sind, andererseits sollen sie aber auch rücksichtsvoll sein. Eltern und Lehrer sollen zur Begrenzung erziehen, aber überall wird „Schrankenlosigkeit” gepredigt. Der Konsum wird ja nicht weniger, es wird ihm lediglich eingeredet, er müsse fairer sein und „bio”. Die Familie soll Menschen bindungsfähig machen (aufgrund welcher Ressourcen?), während Bindungslosigkeit immer mehr zum Ideal wird. Reife soll ein Erziehungsziel sein, aber der Alltag ist bestimmt vom Jugendlichkeitswahn. Die Kinder sollen geistige Neugierde entwickeln, aber der Bilderstrom der Medien ertränkt jedes Geheimnis.

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Shop until you drop, by Banksy

Es gibt keinen selbstverständlichen Konsens über selbstverständliche Normen und Werte, an denen sich die Mehrheit einer Gesellschaft orientieren und ausrichten würde. Es gibt keinen selbstverständlichen Konsens über selbstverständliche Werte, die alle Menschen in meinem Lebensumfeld voraussetzungslos für sich bejahen würden.

So mancher Zeitgenosse beruft sich auf die Aussage, dass früher alles besser war. Aber das ist nun wirklich ein kurzsichtiges Statement. „Besser” meint hier allenfalls „übersichtlicher” und weniger komplex. „Früher“ wurde den Menschen einfach klipp und klar gesagt, wo es langgeht. Aber das ist auf dem Hintergrund allein schon der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts nicht wirklich erstrebenswert: dass andere mir sagen, was ich zu tun und zu lassen habe. Ich denke, wir müssen heute einen anderen Weg einschlagen – gerade in Fragen der ethischen Bildung.

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Früher war alles besser!

Auf diesem Hintergrund schlage ich vor, den Begriff und die Sache des Wertes neu ausbuchstabieren und zwar so, dass klar wird, worum es hierbei geht: um ein reziprokes für-wert-halten des Gegenübers in einem ausbuchstabierten Dialog, in gemeinsam gestalteten Interaktionen, in Wellen des aufeinander Achtens. Wer für sich selbst sorgen kann, sorge (auch) für andere. Der andere zuerst für sich selbst, oder: Trau keinem Nackten, der dir ein Hemd schenken will.

Woran erkennt ein junger Mensch, ob und dass er sich in einer Gemeinschaft oder Gruppe bewegt, in der eine lebendige Form der Wertevermittlung in diesem Sinne praktiziert wird?

Zuerst: Werte leben. Dann drüber reden.

Daran, dass er oder sie dort auf Menschen trifft, die sich mit ihm und ihr ernsthaft beschäftigen und auseinandersetzen. Nicht um sie von etwas zu überzeugen, sondern um ihnen die Möglichkeit zu geben, sich selbst in diesen Auseinandersetzungen immer besser zu verstehen. Menschen, die zuhören, wenn er oder sie in welchen Formen auch immer von seinem und ihrem Leben und von seinen und ihren Erfahrungen erzählt, von ihren Sorgen, Nöten und Freuden. Ganz banal. Menschen treffen auf Menschen, die sich einander anvertrauen.

Weil ich Offenheit vorfinde, werde ich selbst offener und kann mich gegenüber Anderen öffnen. Ich kann mit diesen Menschen streiten, weil meine eigene Meinung zählt, nicht weil sie nicht zählt. Nach einem Streit ist Versöhnung möglich. Das bedeutet: Es gibt keine Verlierergefühle, die nicht aufgehoben werden könnten zugunsten eines nächsten Entwicklungsschrittes. Wir nützen einander nicht gegenseitig für unsere Zwecke aus, sondern es waltet eine Kultur der Transparenz und des gegenseitigen Respekts, die freie Entscheidungen ermöglicht. Auf diese Weise werden die entscheidenden moralischen Werte nicht nur verwirklicht, sondern vermittelt – in einem gelingenden Miteinander.

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Oder das Ergebnis davon?

Der oberste Wert ist meines Erachtens ein gelingendes Miteinander, das heute und in Zukunft ständig neu ausgehandelt werden muss. Das gelingende Miteinander ist bereits ein unersetzlicher Wert – vor allen Dingen in der heutigen Zeit. Es ist die Bedingung dafür, dass einzelne Menschen sich als solche entfalten, sich quasi „individualisieren” können, um auf dieser Spur das Miteinander voran zu bringen. Das setzt erneut schrecklich Banales voraus: Miteinander das Leben zu teilen, also: gemeinsam zu essen, gemeinsam die Freizeit zu gestalten, gemeinsam Feste zu feiern. Der anderen zu zeigen, wie wichtig sie für uns ist, ihr unseren Respekt erweisen über alle Verschiedenheit .

Um solche Ziele zu erreichen, müssen Bildungsinstitutionen wie Schulen neue Räume schaffen, Oasen der Begegnung, der Stille und der Ruhe, damit Menschen miteinander ins Gespräch kommen können. Sie müssen solche Formen des Miteinanders pflegen wie junge Pflanzen. Die Sprache pflegen, die Gefühle pflegen – im Sinne einer emotionalen Reife. Miteinander still sein anstatt sich gegenseitig anzuschweigen. Den anderen mit einem Blick auszeichnen, statt ihn oder sie zu durchbohren. Eltern und Lehrer müssen sich auf sehr praktische und folgenreiche Weise bewusst sein, dass sie die ersten und entscheidenden Vorbilder für Kinder und Jugendliche sind – in einem wertorientierten, auf Gegenseitigkeit beruhenden „Dialog der Menschwerdung”. Ein Dialog, in dem Scheitern nicht verboten ist, sondern eine Erfahrung, die durchlebt und reflektiert werden muss.

Dieser Blog-Beitrag ist ein Ausschnitt aus meinem aktuellen Buch. Mehr dazu finden Sie hier:

 

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Quelle

 

Was die Digitalisierung mit gemeinsamen Visionen zu tun hat

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Die beiden Starfiguren im Film „Zurück in die Zukunft“: Marty McFly und Doc Brown – hier abgebildet auf einer Wandmalerei. (Quelle)

Wir haben Angst vor der Digitalisierung. Wir hoffen, dass der Kelch an uns vorübergeht. Wir fühlen uns überfordert: von der neuen Technik, dem Tempo und vor allem von den Konsequenzen. Deswegen stellen wir uns tot. Reden uns ein, dass das alles nur ein Hype ist. Aber es wird kein Stein auf dem anderen bleiben. Deshalb brauchen wir jetzt vor allem eines: Eine gemeinsame Vision, wie wir in Zukunft leben wollen. Wie wir zusammenleben wollen. Aber langsam und der Reihe nach:

Die Digitalisierung sorgt zunehmend für Unsicherheit und Bangen. Es ist wie auf einem Langstreckenflug, wenn uns der Kapitän vor heftigen Turbulenzen warnt und uns bittet, angeschnallt zu bleiben. Dann harren wir unbewegt der Sturmfront, es schüttelt uns ordentlich durch – und es wird schon gutgehen.

Mein Eindruck ist, dass sehr viele Verantwortliche in Bildung & Arbeit die Digitalisierung in etwa so einschätzen: Als aufziehende Sturmfront, als heftiges Schütteln, das vorbeiziehen wird.

So ist sie aber nicht. „Digitalisierung“ steht nicht für einen vorübergehenden Trend, sondern für eine komplette Veränderung der Art und Weise, wie wir in Zukunft leben werden: Wie wir unseren Alltag gestalten, wie wir miteinander kommunizieren, wie wir arbeiten, lernen, unterwegs sind. Wie wir uns organisieren, wie wir bezahlen, kochen, essen, einkaufen. Wie wir medizinisch versorgt werden. Wie wir sind.

Wir stecken bereits mittendrin in diesen Veränderungen. Dass wir „so wenig davon merken“, hat mit der Digitalisierung selbst zu tun. Sie funktioniert vor allem im Hintergrund. Sie ist nicht laut, wie das Zeitalter der ersten industriellen Revolution. Sie ist für unser Auge beinahe unsichtbar, weil sie keine Fabriken baut, sondern weil sie diese kleiner macht, und häufig überflüssig. Weil sie alles, was mit Produktion zusammenhängt, auf den ganzen Planeten verteilt. Denn ein wesentliches Merkmal der Digitalisierung ist: Sie dezentralisiert. Alles.

Und sie erhöht das Tempo. Unmerklich und überall. Bestellen, Buchen, Entscheiden, Produzieren und Liefern: das alles geht schneller, weil die Digitalisierung Wege nicht verkürzt, sondern abschafft – dort, wo es sie nicht mehr braucht. Wenn Drohnen Essen, Bücher und Medikamente liefern, spielen Staus keine Rolle mehr.

Woher kommt die Angst vor der Digitalisierung?

Die einen sagen: Es ist die Angst davor, sich auf technisches Neuland zu begeben. Es ist die Angst vor den Sicherheitsrisiken, und dass „die Menschen“ einfach nicht dafür geschaffen sind, um mit den Freiheiten und Verantwortlichkeiten der Digitalisierung umzugehen. Dann ist noch die Rede vom Sicherheitsbedürfnis „der Menschen“ und von ihrer Sehnsucht nach Einfachheit, Klarheit und starker Führung.

Das sind Ausreden. Sie erklären etwas mit dem, was eigentlich erst noch erklärt werden muss. Es ist ein klassischer, rhetorischer Taschenspielertrick: Die Symptome werden zum Verursacher eines Problems gemacht, das diese Symptome aber erst auslöst. Die Angst vor der Digitalisierung ist nicht das Problem, sondern ein handfestes Symptom. Und Symptome verweisen auf etwas, das tiefer liegt.

Was wir also im Moment vor allem fokussieren, sind Symptome, nicht die eigentlichen Probleme. Klar ist deshalb: Die lösen wir nicht dadurch, dass wir uns totstellen, uns ins Daily Business flüchten oder den digitalen Fortschritt verurteilen und entwerten. Auch das sind Symptome für ein dahinterliegendes Problem.

Warum fokussieren wir so stark auf die Symptome?

Meine These ist die: Unserem sozialen, ökonomischen und bildenden Handeln ist das „Wozu“ abhandengekommen. Feierlich formuliert: der Sinn. Das ist das tieferliegende Problem.

  • Wachstum, Macht, Hierarchie und Karriere verlieren immer mehr an Attraktivität und an Plausibilität.
  • Die klassischen Beziehungsformen von der Familie über die dörfliche oder städtische Gemeinschaft bis hin zu Vorstellungen über „Nationalität“ bröckeln gewaltig.
  • Schule, Hochschule und Weiterbildung bereiten nicht mehr auf „das Leben“ vor und befähigen definitiv nicht mehr zu einer erfolgreichen Teilhabe an Kultur und Ökonomie.

In diesen drei (oder mehr) fundamentalen, gesellschaftlichen Handlungsfeldern ist uns der Blick auf Ziele verloren gegangen. Ziele, die über funktionalistische Begründungen für unser Handeln hinausgehen. Oder präziser: Wir haben die Ziele funktionalisiert. Konkret: In ökonomischen Kontexten ist das Ziel die schwarze Zahl, eine Zunahme an Gewinn, ist Wachstum das Ziel. Aber wozu? Doch ausschließlich „um seiner selbst Willen“. Wachstum ist gut – fertig. Wir fragen nicht, warum das so ist und ob es noch andere Begründungen geben könnte, die Wachstum wertvoll machen.

Ähnlich ist das im sozialen Kontext und in der Bildung: Prozesse müssen schlank, effektiv und effizient sein, sie werden optimiert und verschlankt. Ein guter Schüler, ein guter Mitarbeiter, ein guter Chef, ein gutes Kind – sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie bestimmte Funktionen erfüllen, aber „hinter” diesen Funktionen steht außer dem Moment der Funktionalität selbst kein weiterer Sinn. Es geht ausschließlich ums Funktionieren. Es geht um Reibungslosigkeit. Gute Studierende „benehmen” sich dann so, dass Abläufe nicht gestört werden: Ein Unterricht, eine Prüfung, der Schülerstrom während eine Unterrichtspause. Eine gute Mitarbeiterin zeichnet sich dadurch aus, dass sie „ihre Arbeit macht” und darüber hinaus nicht auffällt, indem sie zum Beispiel krank werden würde. Eine gute Chefin ist die, die den guten Mitarbeiter nicht dabei stört, wie der seine Arbeit macht.

Wie ließe sich begründen, dass durch das (notwendige) Funktionieren von Abläufen der  Sinn von was auch immer noch nicht „erfüllt” ist?

Neue Ziele finden – alte Werte neu entdecken

„Vermehrung“ als Wert kann etwas Anderes sein, als eine rein ökonomische Zielgröße. Vermehrung kann sich genauso gut auf einen Zuwachs an menschlicher Autonomie und Selbstbestimmung beziehen; auf einen Zuwachs an Achtsamkeit auf die Bedürfnisse, Möglichkeiten und Grenzen derer, die sich als Teil einer menschlichen Arbeits- und Lebensgemeinschaft verstehen.

Dann wird die Frage, warum Wachstum und Zunahme wertvoll sind, mit einem Zweck beantwortet, der über das Vermehren selbst hinausgeht – und es mit einem Zuwachs an Lebensqualität begründet. Für alle. Eine gute, große Ernte (an Getreide, Früchten, Gemüse), wird nicht um ihrer selbst Willen angestrebt, auch nicht aus preispolitischen Gründen, sondern weil sie Menschen als biologische Lebensgrundlage dient. „Mehr“ ist gut, weil es unsere Lebens- und Handlungsmöglichkeiten erweitert. „Fülle“ ist in diesem Ansatz kein bloß materieller Begriff, sondern einer mit qualitativen Assoziationen. „Leben in Fülle“ ist dann nicht das „Baden in Geld“, sondern meint eine ganz bestimmte soziale und personale Qualität von Leben. Für alle.

Die Anthropologie klärt uns darüber auf, dass gelingende soziale Beziehungen, und dass ein Mindestmaß an Autonomie und Freiheit zu einem Leben in Fülle beitragen. Auch die Fähigkeit sich selbst zu bilden, sich geistig und emotional weiterzuentwickeln, haben sehr viel mit einem erfüllten Lebens zu tun. „Optimierung“ jeder Art ist dann kein Selbstzweck, sondern sie hat eine dienende und ermöglichende Funktion, um dadurch etwas sehr Menschliches zu verwirklichen.

Diese erweiterten Möglichkeiten und Ziele entwickeln wir aber erst dann, wenn wir um ihren Wert wirklich wissen. Wir entwickeln erst dann Ideen und Motive, die über das funktionalistische Moment hinausgehen, wenn wir solche humanen Ziele formulieren können – aufgrund von Bedürfnissen, die wir bei uns und unseren Mitmenschen erkennen. In dieser Reihenfolge.

Wir beziehen solche Ziele in unser Planen und Handeln mit ein, wenn wir um sie und um ihren Wert wissen.

Visionen als Ausdruck gemeinsamer Ziele

Deshalb brauchen wir gemeinsame Visionen. Gemeinsam entwickelte Vorstellungen darüber, wohin die Reise gehen soll und wie wir als Gemeinde, Unternehmen, Schule oder Land leben wollen. Wie es sich anfühlen soll, hier zu leben. Was Respekt vor dem Leben, dem Mitmensch, dem Fremden wie dem Eigenen für uns bedeutet. Welchen Sinn wir in Begriffen wie Freiheit, Bildung und Menschenwürde sehen. Das sind konkrete Fragen nach Formen und Zielen eines zukünftigen Zusammenlebens auf einem zusammenwachsenden Planeten: „Die Zukunft, die wir wollen, muss erfunden werden. Sonst bekommen wir eine, die wir nicht wollen“ (Joseph Beuys).

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Der Künstler Andreas Felger hat das Thema der lebendigen Vernetzung als Ausdruck visionärer Kraft in unzähligen seiner Bilder thematisiert. (Quelle)

Also: Wo soll’s hingehen?

Das ist die klassische Frage der Taxifahrer. Aber auch im Reisebüro wird sie immer wieder erwartungsfroh gestellt: Was ist ihr Ziel? Wo möchten sie hin?

Je klarer wir uns selbst diese Frage beantworten können, umso kreativer, lustvoller, menschlicher und motivierter, umso freudiger und neugieriger wird der Weg in diese Zukunft.

Wer mit anderen zusammen ein Bild der Zukunft zeichnen kann, in der er und sie ein lebenswertes Leben verwirklicht sieht, hat eine kreative Form gefunden, mit der Angst vor der Zukunft umzugehen. Dann kann auch die Digitalisierung als ein Weg sichtbar werden, der diese Zukunft nicht gefährdet, sondern ermöglicht. Ko-kreativ, kollaborativ, vernetzt, weltumspannend.

Empfehlenswerter LINK zum Weiterlesen:

[Hence, we need to think in terms of scenarios – visions of different, possible futures – to get the full picture of the challenges and, not least, opportunities that the changes will bring.]