Apokalypse now!

Warum tun wir eigentlich in der Bildung beharrlich so, als müsste die Digitalisierung an uns vorüber gehen wie der biblische Kelch? Ein aufmerksamer Blick hinter die Kulissen der Gegenwart zeigt nämlich die Wucht, mit der diese Veränderungen unterwegs sind. Einige der offensichtlichsten Fakten haben wir für die interessierte Leserin im „Bildung 4.0 Manifest“ aufbereitet.

Warum verbeißen sich lehrende Berufe in ihr längst abgelaufenes Monopol der Wissenslogistik? Warum lassen lehrende Professionen und Institutionen die alten Kulturen des Kontrollierens & Zertifizierens nicht fahren? Warum halten die Verantwortlichen so gnadenfrei fest an der Vorstellung, dass Bildung ohne Curriculum keine Bildung SEIN KANN!?

Die Antworten darauf sind einfach, und sie finden sich überall: Kein Geld, zuviel Admin, Lehrer und Schulen sind beratungsresistent, grassierender Zertifizierungsfetischismus, „Die Schüler WOLLEN doch den Frontalunterricht!“ u.v.m. Solche Antworten erklären sehr viel. Aber sie ändern nichts. Weil Erklärungen nichts (ver-)ändern. Sie zementieren. Aber der Reihe nach:

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Marlon Brando auf dem Set von Apocalypse Now von Francis Ford Coppola (theredlist.com)

 

Die apokalyptischen Szenarien

In den Köpfen vieler Menschen finden sich zunehmend apokalyptische Szenarien zur digitalen Transformation. Da gibt es dann irgendwann keine realen Beziehungen mehr, „man“ „trifft sich“ „nur noch“ „im Internet“, „die so wichtigen Begegnungen zwischen Menschen fallen weg“ (damit sind wahrscheinlich die zu unseren Vorgesetzen und Lehrern gemeint, die uns alle jeden Tag so glücklich machen). „Alle sind nur noch mit ihrem Smartphone unterwegs“, und ein Blick „nach draußen“ (wo auch immer das ist) zeigt ja: alle starren bloß noch auf ihr „Ding“ (!). Und überhaupt.

Diese Szenarien erklären wir mit „Die Menschen haben halt Angst vor Neuem“. Das ändert aber nichts an der Situation, weil Erklärungen nichts an Situationen ändern, sondern sie verstärken. Sie haben einen Beruhigungszweck, der das Erklärte verstärkt. Hää? Ja, es ist wie Kratzen am Mückenstich. Das Jucken wird stärker. Und: jemandem, der sich verzweifelt seine beißenden Mückenstiche aufkratzt, zu erklären, dass dadurch das Problem größer wird, ändert ebenfalls nichts am Problem.

Wie ändern sich Probleme?

Sie ändern sich gar nicht, solange ihr Besitzer von ihnen profitiert. Das ist jetzt keine Erklärung. Das ist (m)eine Erfahrung. Wer von einem Problem profitiert, will keine Lösung. Nach dem Motto: Wenn DAS die Lösung ist, dann möchte ich mein Problem behalten. Wie könnte es von hier aus weiter gehen? Zum Ein- (bzw. Aus-)stieg bietet sich das beliebte Neun-Punkte-Problem an. Es zeigt, warum wir Menschen so selten über unseren Tellerrand hinausschauen, um scheinbar unlösbare Probleme zu lösen – dabei wäre doch mit einem kleinen „Refraiming“ alles wieder in Butter.

 

Ninedots
Quelle

Dieses kleine Experiment sorgt garantiert für einen Aha-Effekt. Auch dann, wenn die Zuhörenden es schon kennen. Gerade dann. Leider bewirkt es keine Verhaltensänderung. Womöglich, weil es eine Erklärung ist. Der Gewinn einer solchen Übung liegt also nicht in einem Zuwachs an Kompetenz sondern – ähnlich wie bei einem guten Witz – im Effekt der Pointe. Einen guten Witz hören (und erzählen) wir ja gerne immer wieder. So und so ähnlich vergeht Unterrichtszeit dann kurzweilig und wie im Flug.

Aber zurück zum Problem des Problems

Warum bleibt die Bildung, wo sie ist? In der Kreidezeit. Warum kann sie sich nicht „häuten“? Hier (m)eine Beobachtung: In unserer Bildungskultur können sich Menschen in zwei Kontexten begegnen: Entweder in einem Kontext, in dem die eine der anderen vor-gesetzt ist im Sinne einer Abhängigkeit (Eltern, Lehrerin, Polizistin, Politikerin, Professorin, Journalistin, Vorgesetzte, Richterin, Ärztin, Kundin …), oder in einem Kontext der Konkurrenz, des Kompetitiven, des Wettbewerbs (Mitschülerin, Geschwister, Arbeitskollegin, Marktteilnehmerin, Buhlerin …). Augenhöhe ist in beiden Kontexten nicht vorgesehen, nur simulierbar. Wir tun zwar hier und da so als ob. Aber wir KÖNNEN  Anderen immer nur voraus oder hinterher sein. Besser oder schlechter, schneller oder langsamer, mehr oder weniger erfolgreich usw.

Kontrolle und Distanz in Bildungskontexten

Dies hat Auswirkungen auf die Beziehungsformate, in denen wir unterwegs sein können. In erster Linie wenn es um Bildung und Arbeit geht. Diese sind immer geprägt von Dimensionen des Hierarchischen und des Kompetitiven. Deshalb geht es in Bildungskontexten immer um Kontrolle und Distanz. Beide sind in unseren Breiten für Bildung konstitutiv. Schule und Hochschule sind von der Wurzel bis in die Wipfel hinein hierarchisch konstruiert und funktionieren auch nur so. Wo Hierarchie infrage gestellt wird oder kurzzeitig nicht „funktioniert“, funktioniert augenblicklich das (Bildungs-)System nicht mehr.

Das ist zwar so gar nicht nötig. Nicht um sich zu bilden. Weder Hierarchie noch Konkurrenz sind ein notwendiger oder auch nur hilfreicher Bestandteil von Beziehungskulturen, in denen es um Entwicklung und Entfaltung von Menschen, ihren Potenzialen und Kompetenzen geht. Bildung, die etwas Anderes ist als Indoktrination, als Konditionierung und Sozialisation, entfaltet sich vor allem dort, wo Hierarchie,  Kontrolle und „Ermöglichung“ wegfallen. Solche Bildung ist prinzipiell unvorhersehbar, nicht zuletzt aufgrund der Komplexität des Phänomens selbst. Peter Bieri hat so einen Begriff von Bildung beschrieben – als ein autopoietisches Handeln des Menschen mit sich selbst.

Peter Bieri
„Ausbilden können uns andere. Bilden kann sich jeder nur selbst.“ Der Philosoph Peter Bieri (Quelle)

Die Dimension der Entwicklung verstehen

Schule soll sich entwickeln, Lernende sollen es, Lehrende auch. Dabei ist dieser Imperativ ähnlich sinnvoll wie die Aufforderung, spontan zu sein. Auf Entwicklung brauchen wir nicht zu warten, wir brauchen sie nicht zu ermöglichen – sie findet statt. Das ist jetzt keine Behauptung oder Erklärung. Es ist eine Erfahrung: Entwicklung, Veränderung und Verwandlung sind Dimensionen, die sich dem Führen, Organisieren und Anzielen  entziehen. Entwicklung ist nicht etwas, das wir „machen“, also planen und umsetzen. Entwicklung geschieht, während wir mit Planen beschäftigt sind. Dies gerät umso mehr aus dem Blick, je stärker wir in unserem Planen und Handeln auf Machbarkeit und Kontrolle fixiert sind. Analog zu allem Lebendigen auf diesem Planeten sind Entwicklungen erst jenseits ihrer – vorläufigen – Ergebnisse als solche erkennbar. Es handelt sich um Phänomene,  die immer erst im Nachhinein erkannt, beschrieben und „utilisiert“, also nutzbar gemacht werden können.

In einer durchökonomisierten Machergesellschaft gehört es womöglich zu den größeren Demütigungen zu erkennen, dass nicht ich eine Entwicklung „mache“, sondern sie mich; dass eine Entwicklung stattgefunden haben muss, um JETZT etwas aus und mit ihr zu machen. Jedes aktive, bewusste, geplante und zielverliebte Handeln, das an den Start geht, hängt von mehr Unvorhersehbarem ab, als ihm lieb sein kann. Im 21. Jahrhundert kommt  didaktisiertes Lernen immer zu spät. Es ist ja vor allem dieses „verschulte Lernen“ – im Sinne eines Reduzierens von Lebenswirklichkeit zum Zwecke seiner Organisation -, das sich konsequent aus Konserven speist. In einer Welt, in der laufend alles frisch geliefert wird.

Hört auf zu unterrichten. Hört auf zu vermitteln.

Vermutlich findet Bildung in Zukunft vor allem an einem Ort nicht statt – in der Schule. Womöglich geht das einfach nicht. Vom Unterricht zu erwarten, dass er Bildung anbietet, ist wie in eine Bäckerei gehen und enttäuscht über die Auswahl an Wurst zu sein. Das Festhalten an diesem kulturellen Mindet „Unterricht“ und an diesen Möglichkeiten, die es eben nicht bieten kann, ist das verunmöglichende Moment.

Die Idee, dass wir – via Unterricht – Menschen etwas vermitteln können (wie Wohnungen oder Jobs), ist Teil dieses Mindsets von Schule, von Unterricht. Das geht aber nicht. Und immer wenn wir versuchen, was Neues oder das Neue anzupacken und die Praxis dadurch anders werden zu lassen, wird es so lange versanden, als wir weiterhin unterrichten und vermitteln und vermitteln und unterrichten.

Dass so viele Menschen auf Vermittlung pochen, hat für mich mit Gewöhnung zu tun. Tiefsitzende, kulturell gewachsene Gewöhnung. Auch ich habe mich als Kind geweigert, ohne Geschichte oder Lied einzuschlafen. Das war schlicht unmöglich. Nicht zu vermitteln. Das heißt aber nicht, dass es nicht auch anders ginge. Oder: dass es eigentlich anders geht. Halt nicht in Form von Unterricht. Oder Vermittlung.

Lernen gelingt dort am einfachsten, glücklichsten und nachhaltig, wo nicht mehr unterrichtet wird. Das ist meine Erfahrung.

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Autor: Smyddi

swiss based, exploring the planet(s) for better education, in love with creative knowledge working www.bildungsdesign.ch -> enabling people & organizations to bring digital & analog learning together -> building the bridges between fields & professions of education -> to help teachers teach & learners lern

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