Der Dozent ist tot. Es lebe der … ?

Wir kennen diesen Ruf aus dem royalen Frankreich der Vergangenheit: „Der König ist tot. Es lebe der König!“ Gemeint ist: Keine Sorge, es bleibt alles beim Alten. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Wie der Vater so der Sohn. Garantierte Kontinuität ist bis heute ein Qualitätsmerkmal. Jetzt tritt die Disruption hinzu. Nicht nur in der Bildung. Und die stellt sich nicht einfach hinten an. Sie macht die Queue überflüssig. Was bedeutet das für den lehrenden Berufsstand?

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Ich fange hinten an: Lehrende und Dozierende werden als Funktionen nicht mehr gebraucht, weil Lehren und Dozieren durch Mentoring, Coaching, Enabling und Facilitating abgelöst sind – sofern es solche Vermittlungsfunktionen überhaupt noch braucht. Aus Lehrenden werden deshalb Lerncoaches.

Der (Be-)Lehrer ist tot. Es lebe der Coach! 

Enabling und Facilitating ermöglichen Anschluss & Vernetzung. Was Teilnehmende in Lernprozessen mitbringen an Erfahrungen, Wissen und Kompetenzen, was hoch dynamische Lerngruppen mit thematisch interessierten und engagierten Frauen und Männern an Potenzialen bereit halten – das alles steht im Zentrum des Lernens. Für dieses Lernen gibt es zukünftig Synonyme:  Lernen ist Kollaboration: Wissen und jedes andere Produkt entstehen ebenso wie Kompetenz in dicht vernetzten Co-Working-Prozessen mit hohen Anteilen in Selbstverantwortung und Selbstbestimmung. Menschen (Mitarbeitende, Schüler, Studierende), die in herkömmlichen schulischen Kontexten „konditioniert“ wurden, brauchen Lerncoaches, die sie auf dem Weg ins selbstbestimmte, kollaborative Lernen begleiten. Das ist harte Arbeit. Für beide Seiten.

Lernen ist in Zukunft Ko-Kreation. Es ist „social workplace learning“. Menschen gestalten die Prozesse, die Orte, die Agenden des Lernens selbst. Inhalte, Quellen, Ziele, Aufgabenverteilung, das alles geschieht in Schule, Ausbildung und bei der Arbeit „holokratisch„. Nur schwach bis gar nicht (!) durch Bürokratie und Hierarchie reguliert. Dieses „soziale Lernen“ wird der Lerncoach   begleiten durch professionelles Coaching: wohldosierte, zurückhaltende Interventionen, minimale Impulse und vor allem in der Funktion des Moderators:  fördernd, stützend wo nötig,  Selbstorganisation ermöglichend.

Informationsvermittlung, Anleitung und Kontrolle fallen aus dem Stellenprofil des Lerncoaches heraus.  An deren Stelle  tritt die Funktion des „facilitating, also des Ermöglichens“ (vgl. Arnold, Rolf: Ermöglichen. Texte zur Kompetenzenreifung.)

Der Lerncoach ist ein Kontextualisierungs-Profi: Der Kontext des Lernens entscheidet über den Erfolg des Lernens, denn Lernen ist sein eigener, biografisch hoch relevanter Kontext. Das wird in den meisten Prozessen der Aus- und Weiterbildung bisher völlig vernachlässigt: Der Kontext des Lernens selbst – das ist eine ganz entscheidende Erkenntnis und zugleich eine Voraussetzung für erfolgreiche und gelingende Prozesse der Aus- und Weiterbildung. Diesen Kontext muss der Lerncoach als Moderator und „Facilitator“ gestalten, ihn sichtbar machen: Wie haben wir lernen gelernt? Welche Rolle nehmen wir in dem Moment ein, wenn wir in den Kontext des Lernens versetzt werden? Warum? Welche Formen, Wege und Methoden des Lernens habe ich noch? Wie lerne ich am besten und wo? Lerncoaches stellen in Zukunft nicht mehr Kontexte zur Verfügung sondern unterstützen lernende Menschen dabei, ihre eigenen Kontexte zu gestalten!

Das Schwierigste zum Schluss: Die Wirksamkeit 

In herkömmlichen Lehr-Kontexten, geht es am Ende um eine Zertifizierung. Weil das so ist, geht es nicht erst am Ende, sondern eigentlich von Anfang an darum. Lehrende fragen sich ebenso wie Lernende regelmäßig: Wie prüfen wir das am Ende? Diese Frage ist wichtig, weil am Ende eines klassischen Lernprozesses immer eine Prüfung bestanden werden muss, um zu einem Zertifikat zu kommen. Von diesem Ende her und auf dieses hin wird dann der gesamte Lernprozess designed.

Diese Zertifizierungsverfahren können das Entscheidende eines Lernprozesses nun aber weder abbilden noch messen: Kompetenzen im Sinne zukunftsorientierter Dispositionen, die mich als Lernenden dazu befähigen, unvorhersehbare und komplexe Herausforderungen zu lösen. Herkömmliches Lehren & Lernen sind darauf gar nicht ausgelegt. Es geht bei ihnen vielmehr darum, ein durch Experten auf didaktischen Wegen vermitteltes Wissen in einem Mal mehr Mal weniger klassischen Prüfungssetting wiederzugeben. Dgeht es nicht darum, dass, ob und wie ein Prüfling in realen Anwendungssituationen des Gelernten bestehen könnte. Es geht darum, dass, ob und wie er diese Prüfung besteht. Deshalb lernen wir ja durch unsere gesamte persönliche Bildungskarriere hindurch vor allem dies: wie wir in zu Prüfungszwecken konstruierten Situationen demonstrieren können, was wir gelernt haben – von dem, was uns gelehrt wurde. Was dabei bis heute völlig aus dem Auge gerät, ist dies: Damit solche Prüfungssettings überhaupt konstruiert und bewertet werden können, müssen sie um genau das reduziert werden, was die Wirklichkeit eines Klienten ausmacht: Ihre unvorhersehbare, im Vorfeld nicht abzubildende Komplexität.  

Woran erkennen wir nachhaltig, dass und was sich durch Lernprozesse bei Klientinnen und Klienten bildet? Woran erkennen wir, dass und wie lernende  Menschen anders aus einem Kurs hinausgehen als sie ihn begonnen haben? Woran erkennen wir, inwiefern Menschen von einem Lern-Angebot profitiert haben – außer dass sie ein Zertifikat in Händen halten? Das sind alles Fragen nach der Wirksamkeit dessen, was Aus- und Weiterbilder mit und für Menschen tun, die sich aus- und weiterbilden.

Den Erfolg vorwegnehmen – Wirksamkeit annehmen

Ein Beispiel: Als Lerncoach gebe ich den Lernerinnen und Lernern die Frage mit: Woran erkennst Du in der kommenden Woche oder bei nächster Gelegenheit, in einem ganz konkreten beruflichen Kontext, den Du als herausfordernd erleben wirst – woran erkennst Du, wenn der berufliche Alltag Dich konkret einholt und einfordert, dass und welche Kompetenzen Du ganz neu oder vertieft ausgebildet hast – und nun erfolgreich einsetzen kannst?

Solche ausdrücklich systemischen Zukunftsfragen machen einen Kompetenzzuwachs nicht nur erfahrbar. Sie machen auch für die Klientin selbst die Zusammenhänge sichtbar zwischen dem, was sie in einen Lernprozess mitgebracht hat, welche Entwicklungen sie im Laufe des Lehrgangs mit sich, mit anderen und im Thema gemacht hat, und den konkreten Herausforderungen ihres beruflichen Umfeldes. Das ist eine schöne Form der Kontextualisierung von Kompetenzen: Es ist ein Lernen durch das Bilden von Unterschieden.

Statt eine (einmalige) Prüfung zu absolvieren, erhalten Klienten die Aufgabe, den Prozess Ihres Lernens, Ihrer Weiterbildung und Ihres Arbeitens an konkreten eigenen Kompetenzen mit ihrem beruflichen Alltag konkret zu verknüpfen. Sie reflektieren diese Verknüpfungen zeitnah und besprechen sie mit anderen Kursteilnehmenden in den entsprechenden Online-Foren oder in Präsenz-Meetings und holen sich qualifizierte Formen des Feedback ein (in hierfür gebildeten Reflecting Teams“ – vgl. zum Prozess das  „creative knowledge feedback“) mit Hilfe der hierfür bereitgestellten Online Tools.

Dazu gehört auch, dass die Teilnehmenden diese Reflexionsschleifen  – im Sinne eines „continuous self assessment“ – festhalten und nach bestimmten, kompetenzorientierten Kriterien für sich selbst auswerten.

Zu den wertvollsten Erkenntnissen, die Teilnehmende an Aus- und Weiterbildungen durch diese Art des Reflektierens gewinnen, gehört das herausarbeiten und „Bilden von Unterschieden“, die sie durch die Arbeit mit Vorwissen und Vorerfahrungen, mit Peerwissen und Peer-Erfahrungen, durch konkretes Anwenden in realen beruflichen Kontexten machen können. Ein Lernender meldet dann am Ende eines Lehrgangs möglicherweise Folgendes zurück:

„Bisher habe ich in solchen und vergleichbaren Herausforderungen hilflos, überfordert, repetitiv, ausweichend agiert, jetzt erkenne ich an folgenden Ergebnissen, Einstellungen, Gefühlen und an der Art und Weise, wie ich an solche Situationen herangehe, folgende Unterschiede, die ich als Fortschritte, Verbesserungen, als einen Zuwachs an Handlungskompetenz bei mir selbst wahrnehme. Dies erkenne ich vor allem dadurch, dass ich auf ‚Rückmeldungen aus dem Kontext‘ zu hören und zu achten gelernt habe. Ich kann nun anders als bisher Impulse und Signale von mir mit solchen aus dem Kontext so verknüpfen, dass für alle Beteiligten und auch für eine allfällige Sache (Projekt) mehr bzw. ‚mehr Nachhaltigkeit‘ herausspringt. Dadurch, dass ich als Teilnehmender an einem Lehrgang merke, dass und wie ich anders als bisher herausfordernde Situationen angehe, wie ich sie anders löse, dadurch mache ich die Wirksamkeit von Lernen für mich sichtbar.“

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Autor: Smyddi

swiss based, exploring the planet(s) for better education, in love with creative knowledge working www.bildungsdesign.ch -> enabling people & organizations to bring digital & analog learning together -> building the bridges between fields & professions of education -> to help teachers teach & learners lern

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