Geh mir doch weg mit dieser Innovation!

Was ist eigentlich eine Innovation? Was ist innovativ? Woran erkenne ich innovatives Sprechen, Handeln? Einen innovativen Menschen? Womöglich habe ich ja weder Zeit noch Geld, um pseudo-initiativen Propheten auf den Leim zu gehen. Vielleicht bin ich eher der misstrauische Typ, der sich immer dann ans Portemonnaie fasst, wenn sein Gegenüber anfängt, über Innovationen zu plaudern. Vielleicht sehne ich aber auch seit Längerem eine herbei?

serendipity-unexpected

In den Köpfen sehr vieler Menschen entsteht das Neue jedenfalls im Alten und aus ihm heraus. Und es muss rentieren. Am besten schon bevor wir investieren. Es ist klar: was am Ende vom Band rollt, muss erfolgreich sein.

Die innovative Art, innovativ zu sein

Dann gibt es aber auch eine andere Art, innovativ zu sein. Ich nenne die Mal etwas verwegen die innovative Art, innovativ zu sein. Die hat sehr viel mit Unvorhersehbarkeit zu tun. Mit scheinbaren Zufällen, mit bewusst gewählten Umwegen, mit unzähligen Kombinationen, Anläufen, mit Serendipity, mit Vorschüssen & Vertrauen – und mit wenig Kalkulierbarkeit.

Hier entsteht das Neue nicht aus dem Alten. Das Alte wird auch nicht durch Innovationen weiterentwickelt. Es wird alles anders. Das Neue macht das Alte überflüssig. Innovatives „Banking“ ist bald nicht mehr auf Banken angewiesen – und die Banken wissen das auch. Deshalb werden sie zunehmend nervös. „Bildung und Lernen“ finden zukünftig nicht mehr in Klassenzimmern statt, sondern über all dort, wo und wenn Menschen anfangen zu lernen und sich zu bilden. Das macht Lehrern Angst.

Mazda wirbt mit dem Slogan: „Andere bauen neue Autos. Wir bauen Autos neu.“ Hier scheinen die beiden unterschiedlichen Formen der Innovation sichtbar zu werden: „Neue Autos“ sind wie die alten Autos, mit dem Unterschied, dass sie im Moment halt (noch) neu sind. „Autos neu bauen“ geht da schon einen Schritt weiter. Zumindest rhetorisch. Und trotzdem: auch wenn man Autos neu baut, kommen am Ende wieder Autos dabei raus. Das „innovative Auto“ hingegen ist womöglich keines mehr – auch wenn es optisch seinem Vorgänger noch gleichen mag. Alles andere ist anders, denn in Zukunft werden wir zwar immer mehr Mobilität brauchen, aber aus genau diesem Grund keine „Autos“ mehr. Diese Art der Innovation optimiert nicht mehr, sie ist disruptiv.

Disruptive vs. inkrementelle Innovation

Wenn Innovatives im Herkömmlichen zu Optimierungen des Herkömmlichen führt, sprechen wir von inkrementeller Innovation. Hier bleibt alles beim Alten, und das Alte verbessert sich. Von disruptiver Innovation sprechen wir dort, wo bestehende Technologien, „ein bestehendes Produkt oder eine bestehende Dienstleistung möglicherweise vollständig verdrängt werden“. Hier wird Unsicherheit als Ressource interpretiert und eingesetzt. Innovatoren sorgen für einen Überschuss an Möglichkeiten, sie ziehen Komplexität an und ermöglichen sie.

„Disruptive Innovation“ bedeutet nicht, dass wir von jetzt auf gleich alles verändern, so wie „Innovation“ heute nicht mehr heißt, dass „wir etwas mit uns tun, was neu ist“, oder dass wir „etwas einführen, das neu ist“. Innovation ist ein komplexer Vorgang, ist ein Prozess, der in immer steileren Entwicklungskurven und in immer höheren Amplituden vor sich geht. Je mehr strukturellen Ballast ich mit mir herum trage, je mehr „Kultur“ in meiner Organisation ein „harter Kern“ ist, umso mehr hänge ich diesen Innovations-Bewegungen hinterher oder werde einfach mitgerissen, rausgespült, damaged.

Innovation findet eh statt – aber wer fährt mit?

Der Fokus von Innovation richtet sich heute nicht mehr auf ein Subjekt, das Innovationen hervorbringt und entwickelt, und auch nicht auf ein Objekt, welches dann Innovationen anwendet, sie ein- oder umsetzt, also in Bestehendes implementiert. Innovation ist ein anderes Wort, ein Synonym für Veränderung und Entwicklung. Sie wird nicht ein- oder ausgeschaltet, budgetiert oder beschlossen, gefördert oder gehemmt. Sie findet statt. Sie ist ein Bewegungsmuster, das alle gesellschaftlichen Räume erfasst hat: Ökonomie, Kultur, Politik und Bildung.

Innovation bezieht sich heute direkt auf die Kontexte und Korrelationen selbst, die in Bewegung gekommen sind. Sie meint nicht „etwas“, das mit diesen Kontexten und Korrelationen geschieht, also quasi auf diese von irgendwo her einwirkt, sondern etwas, das sich in ihnen abspielt und zu ständigen Veränderungen, Anpassungen und neuen Bewegungen führt: Das Netz ist die Kommunikation, das Team ist die Struktur.

Nicht indem ich in irgendwelchen Absichten auf Prozesse von außen einwirke, findet in denen dann eine gerichtete Entwicklung statt, sondern die Entwicklungen, die sich in diesen Prozessen abspielen, verändern die Prozesse und damit die Korrelationen und die Kontexte.

Innovation verändert nicht irgendetwas. Sie ist die Veränderung.

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Autor: Christoph Schmitt

collaboration coach & learning engineer. swiss based, exploring the planet(s) for better education, in love with creative knowledge working www.bildungsdesign.ch -> enabling people & organizations to bring digital & analog learning together -> building the bridges between fields & professions of education -> to help teachers teach & learners learn

1 Kommentar zu „Geh mir doch weg mit dieser Innovation!“

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