Warum digitale Empörung keine Probleme löst. Ethische Bildung hingegen schon.

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Ich vermute, wir müssen Unternehmen, deren wirtschaftlicher Erfolg durch die Ausbeutung von Mensch, Tier und Natur zu Stande kommt, gar nicht boykottieren – auch wenn wir in sozialen Medien ständig dazu aufgefordert werden. Wir müssen ihr Handeln auch nicht digital disliken, uns nicht über sie empören, und das dann teilen und kommentieren. Es würde womöglich völlig ausreichen, ihre Produkte nicht zu kaufen.

Boykott ist nicht Handeln

Wie komme ich darauf? Zwar nähren Boykottaufrufe moralische Bedürfnisse wie Entrüstung und Empörung, aber sie verändern das nicht, worauf sie mit dem Finger zeigen. Empörung bindet zwar moralische Energie, aber dadurch absorbiert sie lediglich den Handlungsdruck und täuscht bei mir das Gefühl vor, etwas Gutes getan zu haben. Hab ich aber nicht.

Mit den rituell verbreiteten Entrüstungsimpulsen verhält es sich wie mit Pawlows Hund: Der Reiz löst den Hunger aus, aber er stillt ihn nicht. Im Gegenteil: Die Art und Weise, wie wir in den sozialen Medien moralisch unterwegs sind, führt zu einem um sich greifenden Ausbleiben moralisch angemessenen Handelns. Es bleibt beim ausgelösten Empörungsreiz, der durch einen Klick gestillt wird: Gefällt mir, gefällt mir nicht. Teilen. Es ist dann für uns so, als hätten wir etwas gegen ein Elend getan. In Wirklichkeit verstärken wir es aber dadurch, dass wir lediglich unserer Empörung Luft machen – statt etwas dagegen zu tun. Die einzig wirksame Möglichkeit, in diesen Zeiten der virtuellen und impotenten Empörungskultur etwas gegen ein Produkt zu tun, ist – es nicht zu kaufen.

Kleidung, die unter menschenunwürdigen Bedingungen in Schwellenländern hergestellt wird. Fleisch, das aus Tieren gemacht wird, die unter katastrophalen Lebensbedingungen gehalten werden. Produkte, deren Herstellung, Handel, Vertrieb, Verbrauch und Entsorgung zu einem entsetzlichen ökologischen Fußabdruck führen.

Ethische Bildung fördert gutes Handeln

Und wenn wir im Ernst wollen, dass immer mehr Menschen durch bewusstes, entschiedenes und selbstverantwortliches Handeln Einfluss nehmen auf das, was auf welche Weise produziert und verkauft wird, indem sie dieses kaufen und jenes nicht, dann brauchen wir eine radikal andere Bildung. Dann brauchen wir Schulen, die aufhören junge Menschen entscheidungsmüde zu machen und sie in ein Lebensgefühl hinein gewöhnen, dass sie „eh nichts ändern könnten“ durch ihr Handeln (weil das System immer Recht hat und am längeren Hebel sitzt). Wir brauchen dann Schulen, die Menschen ermutigen, schonungslos kritisch zu denken und Hierarchien zu (hinter-)fragen. Angefangen bei den fruchtlosen Ritualen traditioneller Wissenslogistik, über den schulischen Selektionsfetischismus bis zur Bulimiepädagogik: Stoff reindrücken, bei der Prüfung unverdaut herauswürgen – und wieder von vorne.

Wir brauchen dann nicht einfach „bessere Politiker“ und „moralischere Unternehmen“ sondern Schulen, die sich auf ethische Bildung  verstehen.

Schule könnte eine Einladung & Befähigung sein, mit Freude hellwach unterwegs zu sein: Das Potenzial unseres menschlichen Geistes, unsere Fähigkeit zu Empathie und die modernen Technologien zusammen zu bringen, um gemeinsam diese Welt aktiv umzugestalten. Statt sich der moralischen Masturbation hinzugeben.

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Hör auf mich zu führen!

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Neulich wurde ich gefragt, ob ich mir eigentlich darüber im Klaren sei, dass meine intellektuelle, kluge und versierte Art zu kommunizieren, Menschen auch verwirren und verunsichern kann – gerade, wenn es Mitarbeiter von mir sind. Oder Mitarbeiterinnen. Ob ich mir vorstellen könnte, dass ich mit meinem Auftreten anderen Angst mache.

Mir fiel dann diese Metapher ein:

Ein Mensch, der mit seiner Angst vor dem Wasser am Ufer steht und sich nicht hinein traut, lernt nicht dadurch schwimmen, dass ich damit aufhöre, wenn er mich schwimmen sieht.

Er oder sie findet aber womöglich auch dann nicht den Weg ins Wasser, wenn ich ihn oder sie zu überzeugen versuche, doch ins Wasser zu kommen, weil das so schön ist. Er oder sie braucht mich womöglich nicht als strahlendes Vorbild, als vorbildlichen Schwimmer, um selbst eine oder einer zu werden – weil er oder sie gar nicht schwimmen möchte.

Womöglich muss ich also als Führungsperson kein sensibler und umsichtiger Schwimmlehrer sein, der Mitarbeitende an der Hand nimmt.

Die Fragen, die ich stattdessen stellen möchte, sind: muss der Mensch mit der Angst vor dem Wasser schwimmen lernen? Ist das sein oder ihr Element? Ist dieser Mensch „am richtigen Ort“, und ist die Perspektive des tollen Schwimmers und der tollen Schwimmerin wirklich die seine oder die ihre?

Wenn diese Fragen einmal gestellt sind, dann könnten wir anschließend gemeinsam aus dem „Entweder-Oder-Modus“ aussteigen: Entweder ins Wasser oder am Ufer bleiben.

Wir könnten uns gemeinsam fragen: Wo ist der Ort, an dem du dich wohl fühlst? Was ist es, das du kannst bzw. gerne können möchtest? Oder noch besser? In was möchtest du dich vertiefen, stürzen? Was wäre denn dein Element? Was brauchst du, um dich so lebendig zu fühlen wie ein Fisch im Wasser?

Das ist meine Vorstellung von Führung. Und meine Praxis:

Mitarbeitende in diesen Prozessen zu begleiten – um für sie einen guten und richtigen Ort in der Organisation zu finden, an dem sie wirken können – und dadurch wie nebenbei auch für uns als Organisation einen großen Nutzen erwirtschaften.

Die Angst vor dem selbstorganisierten Lernen

Eine exzellente Replik!

Schule und Social Media

Social Media oder allgemeiner die Abbildung von Prozessen mit digitalen Werkzeugen wirft Fragen auf, die tiefer greifen als die Nutzung von Snapchat oder die Datenschutzeinstellungen bei Facebook. Gerade im Zusammenhang mit Bildung werden meiner Meinung nach Probleme erkennbar, die es schon lange gibt – zu deren Bearbeitung aber bislang der Mut, der Wille oder die Werkzeuge gefehlt haben.

In einem Beitrag auf dem VHS-Blog stellt Tobias Schwarz etwa die Existenzberechtigung von Lerninstitutionen generell infrage. Er betont die Bedeutung von Vernetzung und Autodidaktik – auch aufgrund seiner eigenen Lern- und Arbeitserfahrungen:

Heutzutage lernt man nicht mehr nur für eine Arbeit, sondern in Zeiten des Wandels vor allem während der Arbeit. […] Nach dem Studium der Politikwissenschaft habe ich als PowerPoint-Designer für ein Beratungsunternehmen gearbeitet. Alles was ich dafür können musste, habe ich innerhalb von zwei Wochen beigebracht bekommen, danach in der Praxis vertieft und so meine Fähigkeiten stets verbessert.

Was er beschreibt…

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